Der Kommentar: Vor dem Hintergrund der Abstimmungen im Ausland entpuppt sich der Bündner Entscheid als geradezu progressiv. Immerhin stimmten die direkten Austragungsorte St. Moritz und Davos einer Kandidatur zu. In Wien und in München lehnten aber die Direktbetroffenen zum Teil massiv ab, so etwa das Wintersport-Mekka Garmisch-Partenkirchen. Es geht bei der Ablehnung also nicht um Orte wie Almens, Pitasch oder Zillis, sondern um Weltmetropolen wie Wien und München. Und dies notabene angesichts der Tatsache, dass im Falle der Winterspiele 2022 in Bayern die Infrastruktur weitgehend bestanden hätte.

Auch spielt die politische Gesinnung kaum mehr eine Rolle: In Graubünden wurde der Abstimmungskampf zu einem Streit zwischen Bürgerlichen und Links-Grünen, in Wien hingegen wurde die Kandidatur von der rot-grünen Koalition geplant und massiv propagiert. Man muss deshalb feststellen, dass Olympiakandidaturen in europäischen Demokratien kaum noch getragen werden. Es gibt eine Art Anti-Olympia-Konsens von den ländlichen Gebieten bis zu den urbanen Zentren.

Die Gründe sind vielfältig, von der Angst vor Gigantismus und Umweltschäden bis zu einem massiven Misstrauen gegenüber den IOC-Funktionären. Wenn sich solche Spiele aber nur noch in autokratischen Staaten und Diktaturen umsetzen lassen, dürften ihre Tage über kurz oder lang gezählt sein. Es bräuchte dann einen zweiten Baron de Coubertin, der die ganze Angelegenheit mit neuem Sinn füllt.

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