Der Kommentar: IT-Jungunternehmer Pang Weiwei, 33 Jahre alt, erinnert sich noch gut an seine Studienzeit in Berkley (Kalifornien), als er vor neun Jahren an seiner Doktorarbeit schrieb. Es war zum Zeitpunkt, als in China eine jüngere
Führungsgeneration an die Macht kam. Staats- und Parteichef Jiang Zemin und Premier Zhu Rongji traten 2002/03 nach einem Jahrzehnt des ungehemmten Wachstums als erfolgreiche Vollstrecker der von Deng Xiaoping 1979 in die Wege geleitete Wirtschaftsreform zurück.

Hu Jintao wurde zum Parteichef, wenig später zum Staatschef gekürt. Gleichzeitig wurde der erfolgreiche Premier Zhu durch Wen Jiabao ersetzt. Das neue Duo wechselte sacht die Richtung, setzte auf «nachhaltiges» Wachstum und holte mit der neuen Parteilinie einer «harmonischen Gesellschaft» zur Einebnung der wachsenden sozialen Kluft sozusagen Konfuzius an den Tisch des allmächtigen Politbüros.

Beim grünen Tee im Pekinger Haidian-Distrikt erzählt IT-Unternehmer Pang, wie damals in Berkley seine US-Freunde reagierten. «Who is Hu?» fragten sie erstaunt. Das Wortspiel geriet zur Schlagzeile. Wer Hu war, wurde also gleich medial in Amerika verbreitet. Hu war ein politisches Wunderkind. Als Ingenieur stieg er schon in jungen Jahren in atemberaubendem Tempo die Karriereleiter der Kommunistischen Partei empor. Reform-Übervater Deng Xiaoping holte ihn, noch keine 50 Jahre alt, vom Posten des Parteichefs in Tibet nach Peking.

Beim Machtantritt Hus waren die sino-amerikanischen Beziehungen im Sinkflug. Vorbei die Zeit, als Präsident Clinton in den 90er-Jahren das Verhältnis mit Peking als «strategische Partnerschaft» bezeichnete. Differenzen, ja Streit etwa über die Währung, das horrende Handelsbilanzdefizit, Taiwan, Tibet, die Aufrüstung des amerikanischen Verbündeten Japan und die Frage der Menschenrechte bestimmten den Ton. Im Hintergrund lauerte, so ein Kommentator vor sechs Jahren in einer Schanghaier Zeitung, eine Wiederauflage des Kalten Krieges.

Hus Amerikareise vor sechs Jahren war alles andere als ein Erfolg. Jetzt im Januar 2011 – was für ein Unterschied. Stolz weist der IT-Unternehmer an einem Kiosk auf die Schlagzeilen chinesischer Zeitungen: «Die beiden Führer weisen auf die symbiotische Qualität der gegenseitigen Beziehungen hin», «Gipfel Hu -Obama: Eines der wichtigsten diplomatischen Ereignisse des Jahres», «Hus Besuch ein Riesenerfolg».

Alles geregelt also für eine rosarote Zukunft? Mitnichten. «Gewiss, der Gipfel war ein Erfolg», sagt der 21 Jahre alte Pekinger Student Wen Xiaosong, «doch jetzt kommt es zur Detailarbeit, und da wird es dann viel schwieriger». Für Hu Jintao freilich war der Besuch in Washington ein Meilenstein. Im kommenden Jahr am Parteitag muss er zurücktreten. Und jeder Kaiser, auch ein roter, will mit einem Vermächtnis in die Geschichte eingehen.

Interessant ist deshalb, wie in den chinesischen Medien die zeremonielle Seite des Besuches von den 21-Kanonen-Salutschüssen über den roten Teppich bis hin zum Staats-Dinner positiv herausgestrichen wurde. Hu Jintao und China wurde mit grösstem Respekt Gesicht gegeben, ein Konzept, das vielleicht im Westen nicht ganz verstanden wird, für China jedoch extrem wichtig ist. Mehr Symbolik als Substanz? – so fragt man im Westen. Ohne Symbolik keine Substanz – antwortet man in Asien.

Natürlich ging es beim Washingtoner Gipfel auch ums Eingemachte. Im Kleingedruckten der Medien sozusagen wurden die Schwierigkeit, Differenzen und Meinungsverschiedenheiten angesprochen. «Gegenseitiger Respekt und gemeinsame Interessen sind gut», hiess es in einem Kommentar einer Regionalzeitung in Kanton, «aber genauso wichtig ist gemeinsame Verantwortung».

Nach dem Gipfel, hiess es in den offiziellen, englischsprachigen «Global Times», müssten endlich die «sino-amerikanischen Beziehungen besser definiert werden. Auf der Website von «Renmin Ribao» (Volkszeitung), dem Sprachrohr der Partei, war nachzulesen, dass Washington klarmachen müsse, dass China und die USA heute keine Feinde seien und das auch in Zukunft nicht sein werden. Gefordert wird nichts weniger als eine «langfristige Perspektive».

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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