Der Kommentar: Das Problem besteht nicht darin, ob Eritreer als Flüchtlinge anerkannt oder vorläufig aufgenommen werden. Am Problem vorbei geht die Debatte über Menschenrechte, humanitäre Traditionen, moralische Verpflichtungen versus Kaltherzigkeit, Egoismus oder «das Boot ist voll»-Mentalität.

Wie häufig kommt man mit Logik entschieden weiter. Weder Europa noch die Schweiz können alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen, die hier – aus durchaus verständlichen Motiven – Zuflucht suchen. Das ist nicht unmenschlich, sondern Einmaleins. Also braucht es Zugangsbeschränkungen. Umso abschreckender die sind, umso weniger Tote gibt es beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Das ist nicht Einmaleins, aber logisch und unbestreitbar.

Erinnert sich noch jemand an die Bootstragödie vor Lampedusa mit mehr als 300 Toten? In der Betroffenheits-«Arena» von SRF machte ich vor knapp zwei Jahren zwei Feststellungen. Diese menschliche Katastrophe wird sich unablässig wiederholen, nur wird es keine weitere «Arena» dazu geben, weil wir uns daran gewöhnt haben. Und entweder werden Schwimmwesten und mittelmeertaugliche Boote zur Verfügung gestellt – oder das Mittelmeer wird hermetisch abgeriegelt, und in Nordafrika werden militärisch kontrollierte Auffanglager errichtet. Nur so könnte weiteres Massensterben mit Ansage verhindert werden. Neben dem üblichen Shitstorm in den Kommentarkloaken der Medien erhielt ich anonyme Morddrohungen von erregten «Humanisten», die das als menschenverachtenden Zynismus missverstanden.

Allein im ersten Halbjahr 2015 sind weit über 2000 Menschen, bei hoher Dunkelziffer, beim Versuch ertrunken, übers Mittelmeer nach Europa zu flüchten. Schleppernetzwerke erstrecken sich inzwischen bis tief in Subsahara-Afrika hinein, Schätzungen gehen von bis zu einer Million Menschen aus, die auf eine Chance für die Überfahrt warten. Es gab dann doch noch zwei Betroffenheits-«Arenas» zu diesem Thema, und ethisch bewegte «Humanisten» arbeiten sich inzwischen an allen ab, die unter der Verwendung reiner Logik darauf hinweisen, dass es keine schrankenlose Aufnahme von Flüchtlingen geben kann.

Die Europäische Union, die für die Kontrolle ihrer Aussengrenze verantwortlich sein sollte, macht das, was sie am besten kann: nichts. Sie macht das, was sie genauso gut kann: aus einem absehbaren und lösbaren Problem eine Katastrophe. Italien und Griechenland, durch ihre geografische Lage die Hauptbetroffenen, werden im Stich gelassen. Ungarn wird wegen des Baus eines Schutzwalls kritisiert, das Dubliner Abkommen faktisch ausser Kraft gesetzt. Nach den üblichen markigen Worten anlässlich der Tragödie im Jahre 2013, dass jeder tote Flüchtling im Mittelmeer einer zu viel sei, das sofort beendet werden müsse, wird massenhaft weitergestorben. Und die Regierungsverantwortlichen der EU sehen tatenlos zu und streiten sich vergeblich um Zuteilungsquoten. Wahrlich ein verbrecherisches Versagen.

Das ist die widerwärtige Unfähigkeit der EU, aber die Schweiz ist glücklicherweise nicht Mitglied dieser Katastrophen-Veranstaltung. Erfüllt aber als Mitunterzeichner und Musterknabe die Bestimmungen der Dubliner Übereinkunft, was dazu führt, dass jeder Flüchtling, der von Italien unregistriert durchgewinkt wird oder an der französischen Grenze abprallt, in der Schweiz einen Asylantrag stellen kann. Aber das ist nur eines der vielen Probleme, die die Schweiz mit der immer dysfunktionaleren EU hat.

Der Kern des Problems in der Schweiz besteht darin, dass jeder, der – aus durchaus verständlichen Motiven – die möglichst grosszügige Aufnahme von Flüchtlingen fordert, mitverantwortlich am Massensterben im Mittelmeer ist. Ein besonders tragisches Beispiel dafür, wie edle Beweggründe – vermeintliche Mitmenschlichkeit, falsch verstandene Solidarität, die Erinnerung an die herausragende humanitäre Tradition der Schweiz, das zutiefst menschliche Bedürfnis, helfen zu wollen – das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken.

Angebot schafft Nachfrage, das gilt nirgendwo mehr als bei den weltweiten Flüchtlingsströmen. Offene Arme befördern den Brain-Drain in Ländern der Dritten Welt, die hohen Kosten der durch kriminelle Schlepperbanden angebotenen Fluchtrouten selektionieren die cleversten und reichsten Fluchtwilligen, nicht die bedürftigsten. Damit wird das Prinzip pervertiert, dass selbstverständlich jeder an Leib und Leben Gefährdete in zivilisierten Staaten das Recht auf Asyl hat.

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