Ein neues Mitglied, Guy Parmelin, wurde in Ihrer Mitte aufgenommen. Die Wahl war mit grosser Spannung erwartet worden, die Zauberformel in ihrer alten Form nun wieder hergestellt. Viele Bürgerinnen und Bürger erhoffen sich davon Stabilität in unsicheren Zeiten. Die grossen Flüchtlingsströme, unser Verhalten gegenüber dem radikalen Islam, unser Verhältnis zur EU, die angespannte Situation vieler Unternehmen nach dem Aufheben des Mindestkurses und die Rolle der Schweiz in der Welt beschäftigen und beunruhigen die Bürger. Gerade weil wir ein Land sind, das in grossem Wohlstand, in Sicherheit und Freiheit lebt, sind das Festhalten am Status quo und die Angst, etwas zu verlieren, allgegenwärtig. Damit lässt sich aber keine Zukunft gestalten. Ich frage mich gelegentlich, wo ist eigentlich der Optimismus geblieben, der unternehmerische Geist, insbesondere aber, was ist aus unserer typisch eidgenössischen Tugend geworden, intelligente, pragmatische Kompromisse zu schmieden? Denn die brauchen wir mehr denn je.

So haben Sie mit einer Schutzklausel versucht, die Anliegen der Initianten der Masseneinwanderungsinitiative und der Wirtschaft unter einen Hut zu bringen. Ausgang ungewiss. Es wird schwierig, den Menschen begreiflich zu machen, dass Migration durchaus eine Chance sein kann. Die Schweiz zieht die besten Talente an, die einen essenziellen Beitrag an unseren Wohlstand, unsere Innovationsfähigkeit und den Bildungs- und Forschungsstandort Schweiz leisten. Mit unseren Stärken haben wir beste Voraussetzungen, um mutige Antworten auf die Globalisierung und die Beziehung zu unseren europäischen Partnern zu finden. Darum sollten wir uns für eine Wirtschaft starkmachen, die für Freiheit statt Überregulierung steht, für Flexibilität statt Sturheit und für Offenheit statt Abschottung.

Wir sollten aber nicht nur das Potenzial von gut ausgebildeten Einwanderern besser nutzen, sondern auch die naheliegendsten Arbeitskräfte-Ressourcen: unsere Jungen und die Frauen. Nicht mit Quoten oder anderen staatlichen Eingriffen, die Unternehmen unnötig belasten, sondern mit dem Abbau von Fehlanreizen und der Förderung intelligenter Arbeitsmodelle. Es braucht Möglichkeiten für attraktive Teilzeitarbeit oder andere kreative Lösungen innerhalb der Unternehmen, damit Frauen UND Männer Beruf, Familie und Haushalt besser miteinander vereinbaren können. Das entspricht nicht nur dem Bedürfnis vieler weiblicher Führungskräfte, sondern immer mehr auch dem Wunsch von Männern in Führungspositionen. In der neuen Avenir-Suisse-Studie «Gleichstellung» schreiben die Autoren richtigerweise, «Massnahmen mit dem Label ‹Nur für Frauen› sind mit Vorsicht zu geniessen.» Wenn Teilzeitarbeit nur Müttern erlaubt ist, wird zu Unrecht das Klischee bedient, dass Frauen weniger ehrgeizig seien. Flexible Arbeitszeitmodelle dürfen darum nicht geschlechtsspezifisch sein.

Wichtige Zeichen kann auch die Politik setzen, indem sie etwa die Individualbesteuerung der Ehepartner zulässt und damit nicht Zweitverdienerinnen mit einer höheren Steuerprogression übermässig bestraft. Dieses zusätzliche Geld wird nämlich oft für Kinderkrippen verwendet, ohne die viele Frauen keine Karriere machen können. Und wenn es eine «Deregulierung» dringend braucht, dann bei den wuchernden Vorschriften für das Betreiben einer Kinderkrippe. Es kann nicht sein, dass die Regeln für eine Kinderkrippe beinahe gleich kompliziert sind wie jene für eine Bank. Wenn wir gerade bei unseren Kindern sind; warum muss jetzt ausgerechnet beim kostbarsten Rohstoff gespart werden, den die Schweiz hat: bei der Bildung? Und warum hinken wir bei der frühkindlichen Bildung (Betreuung und Erziehung) weit hinter vielen anderen Ländern her? Alle verfügbaren Studien belegen, dass es keinen besser investierten Bildungsfranken gibt als jenen, der in die frühkindliche Bildung fliesst.

Auch wenn Bildung weitgehend in der Hoheit der Kantone liegt, können Sie, liebe Damen und Herren Bundesräte, Botschafter für gute Schulen und eine exzellente Bildung in diesem Land sein. Ich bin es schon und unterstütze aus Überzeugung den Schweizer Schulpreis, der Anfang Dezember zum zweiten Mal verliehen wurde. Vielleicht wird uns ja eine(r) von Ihnen an der nächsten Verleihung mit seiner/ihrer Anwesenheit beehren.

Für die Festtage wünsche ich Ihnen nun alles Gute und für das neue Jahr bon courage.

* Carolina Müller-Möhl (47) ist eine Schweizer Investorin und Philanthropin. Sie ist Gründerin und Präsidentin der Müller-Möhl Group und der Müller-Möhl Foundation, Sie engagiert sich darüber hinaus in diversen Stiftungs- und Beiräten.

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