Der Kommentar: Trotz aller Probleme bleibt Medizin unglaublich attraktiv: Tausende von jungen Menschen melden sich jedes Jahr zum Studium, viel mehr, als die Fakultäten annehmen können – ein Numerus clausus, eine Limitierung, bleibt notwendig. Ist diese Zugangsbeschränkung aber, so wie wir sie zurzeit anwenden, angemessen? Wählt sie die künftigen Ärzte vernünftig aus? Beinhaltet sie Verzerrungen, die korrigiert werden müssen?

Mit den schriftlichen Tests, die in der Schweiz durchgeführt werden, sollen ausdrücklich Studierende ausgewählt werden, die in der Lage sind, ihr Medizinstudium abzuschliessen – die soziale Kompetenz wird völlig ausser Acht gelassen: Die Fähigkeit, den Beruf eines Arztes auszuüben, wird gemäss den Verantwortlichen als ein zu heterogenes und ungenaues Konzept angesehen. Das kann man nur als sehr bedenklich betrachten, und die Frage stellt sich: Will man Diplomierte, oder will man Ärzte ausbilden?

Wir suchen also diejenigen aus, welche die Besten in Naturwissenschaft, mathematischer Logik und der Fähigkeit sind, ein Studium erfolgreich abzuschliessen. Doch wir schenken leider denjenigen wenig Beachtung und lassen sie ausscheiden, die wir im Moment am meisten bräuchten: Praktiker mit Intuition und Empathie, die den Nachwuchs in der medizinischen Grundversorgung sichern. Ein wesentliches Problem für die Zukunft unserer Medizin.

In allen entwickelten Ländern stellt sich die gleiche Frage der Nachwuchsselektion. Und es gibt sehr wohl Mechanismen, die bessere Kriterien für die Auslese festlegen. Das «simulation-based assessment», das zum Beispiel in Nordamerika, in Australien oder in Israel eingesetzt wird, nimmt die soziale Kompetenz ernst. Es könnte unser unbefriedigendes System ersetzen.

Besonders interessant für die Schweiz ist das Modell des Simulationszentrums MSR in Tel Aviv. Um den Fallbeileffekt und die fehlende Flexibilität der üblichen Psychometrietests zu umgehen, wird die Auswahl der zukünftigen Studierenden durch eine zusätzliche Phase angepasst. Diese zweite Phase verändert die zum Studium zugelassene Kohorte um rund 20 Prozent – eine beachtliche Zahl. In dieser zweiten Phase werden die Bewerber auf die Reichhaltigkeit ihres Verständnisses und ihre Fähigkeiten geprüft, die sich aus ihren situationsbedingten Reaktionen schliessen lassen, und zwar nach objektiven und zertifizierten Kriterien. Zu den etwa zwanzig analysierten Elementen gehören ethisches Verhalten, Selbstvertrauen, Dienstbereitschaft, die Fähigkeit, unter Stress zu arbeiten, Empathie, Offenheit und die Fähigkeit, Hilfe anzufordern, anzubieten und anzunehmen.

Konkret sieht das so aus, dass die Bewerber in 120 Minuten acht Workshops mit Simulationspatienten durchlaufen und anschliessend mit drei «Dilemmas» konfrontiert werden, in denen sie eine Entscheidung zu treffen haben; schliesslich beantworten die Bewerber 20 offene Fragen zu ihrer Biografie und ihren gelebten Erfahrungen.

Jeder Prüfungstag bindet etwa 50 Experten durch etwa hundert Bewerber, die pro Tag geprüft werden. Diese Experten kommen hauptsächlich aus dem Krankenhausbereich und dem akademischen Umfeld. Sie werden einer sechsstündigen Schulung unterzogen, in der es zum Grossteil darum geht, eine reproduzierbare Beurteilung der Bewerber zu erreichen. Die Verlässlichkeit, Objektivität und Reproduzierbarkeit der Tests werden umfassend dokumentiert und sind in zahlreichen Publikationen bestätigt worden.

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel hat kürzlich in dieser Zeitung und in einem Vorstoss ein Praktikum, mit oder ohne Eignungstest, vorgeschlagen; das löst aber das Hauptproblem – die Kriterien und die Methode der Selektion – gar nicht und scheint wenig praktikabel. Für die Sicherung des Nachwuchses der Ärzteschaft ist es wünschenswert, wenn wir auf ein Auswahlverfahren zurückgreifen, bei dem diejenigen erfolgreich sind, die die besten Voraussetzungen haben, gute Ärzte zu werden – und vor allem Ärzte, die wir im Moment am dringendsten benötigen: Grundversorger. Das aktuelle Modell des Eignungstests ist in diesem Sinn nicht adäquat. Die Umsetzung eines Modells, das sich auf Kurzinterviews stützt, bedarf sicherlich einer anderen Logistik, aber offensichtlich ist es mit den in der Schweiz zur Verfügung stehenden Mitteln vereinbar.

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