Der Kommentar: In Ägypten wars schon immer so: Die oberen Zehntausend oder Hunderttausend wissen vom Leben der unteren Zig-Millionen fast gar nichts. Sie begegnen dem Alltag nur ganz am Rande, gehen nie zu Fuss in die Stadt, fahren mit eigenem Chauffeur von Tür zu Tür und ignorieren all das, was die riesige Mehrheit bedrückt. Sie konnten sich jahrzehntelang darauf verlassen, dass die Staatsführung trickreich dafür sorgte, Demonstrationen zu unterdrücken und muslimische Prediger, die auf die soziale Not hinweisen wollten, mundtot zu machen.

Das hat mit der jetzigen Krise viel zu tun. Mubarak stieg, wie vor ihm auch Sadat, in die prozentual winzige Oberschicht auf. Er sorgte dafür, dass Zehntausende Offiziere und Beamte aus den Niederungen des ärmlichen Alltags an den unteren Rand der Oberschicht aufsteigen konnten. Und hoffte, dass sie dies lernten: Stürzt der Chef, stürzen sie mit ihm. Hosni Mubarak baute dieses Gebäude besser auf als Ben Ali in Tunesien. Er konstruierte einen erschreckend effizienten Geheimdienst, einen Apparat im Innenministerium, eine brutale Polizeitruppe, eine Armeespitze, von der er hoffen konnte, dass sie im Notfall zu seinen Gunsten agieren würde. Und er sicherte sich das Wohlwollen und die Milliardenhilfe der USA, indem er sich als Garant des so genannten Nahost-Friedens profilierte, sprich: die amerikanischen Rücksichtnahmen gegenüber Israel respektierte.

Doch wie sieht die Realität nach einem Sturz Mubaraks aus? Wirkliche Demokratie bedeutet, dass man alle in einer Gesellschaft wichtigen Kräfte einbinden muss – in Ägypten also auch die islamistischen Moslembrüder. Was kann das bedeuten? Wohl kaum, dass Ägypten gleich in eine Islamische Republik umgeformt würde – aber dass die Gesetzgebung im Sinne von islamischen Traditionalisten rückbuchstabiert würde. Zum Schaden der Frauen vor allem, deren Rechte schon in den letzten Jahren – aufgrund des wachsenden islamischen Einflusses – eingeschränkt wurden.

Wandel heisst nicht unbedingt Freiheit und Fortschritt für alle. Und sollte Mubarak abtreten, wäre der Friedensprozess mit Israel infrage gestellt. Zwischen den beiden Staaten gibts bekanntlich längst nur noch einen kalten Frieden – nach Mubarak müsste man mit einem kalten Krieg rechnen, wer immer an der Regierung beteiligt wäre.

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