Antwort von Oswald Grübel: Unser Finanzplatz wird nicht so schnell aus den negativen Schlagzeilen kommen, die übrigens meist hausgemacht sind. Die deutsche Regierung meint es ernst mit dem Steuerabkommen. Das heisst aber nicht, dass das Abkommen auch ratifiziert werden kann, denn es scheint, dass es keine Mehrheit dafür in den Ländern gibt. Auch das Volk steht dem Abkommen sehr skeptisch gegenüber. Was wir heute erleben, sind die Auswirkungen einer sich ständig verbessernden Transparenz und die für einige zum Teil schmerzliche Erkenntnis, dass Transparenz keine Geheimnisse toleriert.

Alle Geschäfte, die unter dem Schutz des Bankgeheimnisses abgeschlossen wurden, werden jetzt infrage gestellt. Einmal, weil wir selbst das Bankgeheimnis infrage stellen und sogar mit Ausnahmeregeln brechen und andererseits, weil die Technologie es einfacher gemacht hat, es zu brechen, ohne dass grosse Konsequenzen zu befürchten wären. Zudem haben wir ein Verständnis entwickelt, das jedem Staat freie Hand gibt in der Art und Weise, wie er Steuern eintreibt.

In den kommenden Jahren mit wenig oder gar keinem Wirtschaftswachstum, mit steigenden Arbeitslosenzahlen, mit hohen Staatsdefiziten, die reduziert werden müssen, mit dem Abbau des allumfassenden Sozialstaates, da nicht mehr finanzierbar, mit negativen demografischen Trends und der Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, müssen wir uns nicht wundern, dass es kein Einsehen für irgendwelche Geheimnisse gibt und dass man nichts unversucht lassen wird, sie aufzudecken.


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