Warum so spät? Die Dokumente bildeten immerhin einen starken fotografischen Beleg für die Massentötung des jüdischen Volkes. Die Verantwortlichen in Bern entschieden sich, die Bilder nicht zu veröffentlichen. Damit machten sie sich zu Helfern von Nazi-Deutschland, das eine absolute Geheimhaltung für seine Vernichtungspolitik durchsetzte. Die Nazis waren besessen davon, die Massenvernichtung des jüdischen Volkes komplett zu «entbildlichen». Das korrespondiert mit ihrem Ziel, nicht nur die Menschen zu vernichten, sondern auch deren Kultur und Geschichte. Die Nazis wollten sämtliche Spuren des Judentums in Europa ausradieren. Das Ziel war nicht allein der Tod, sondern die umfassende Auslöschung des Volkes.

Das späte Auftauchen der Holocaust-Bilder in der Schweiz erinnert in beklemmender Weise an dieses von den Nazis verhängte Bilderverbot. Muss die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg nun umgeschrieben werden? Nein, die Geschichte der Schweiz ist ausgeleuchtet. Für die Wissenschaft ist klar, dass die Schweiz sehr früh um die deutschen Gräueltaten Bescheid wusste – und, im Wissen darum, die Grenzen dichtmachte und damit Juden in den sicheren Tod schickte. Die Bilder sorgen aber dafür, dass diese Erkenntnis auch ausserhalb der Wissenschaft Verbreitung findet.

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