Die Schweiz ist für die US-Geheimdienste gewiss weniger interessant als das mächtige Deutschland, das sich im Status heller Aufregung befindet, seit man weiss, dass das Handy der Kanzlerin abgehört wurde. Doch auch unser Land ist für die USA eine ergiebige Informationsquelle, wenn auch wohl mehr die Wirtschaft als der Staat.

Der Finanzplatz ist für die USA ein Hort für kriminelle Steuerflüchtlinge; die forschungsintensive Pharma- und Technologiebranche gilt als erstklassiges Ziel für Industriespionage (auch aus China); und dann gibt es hierzulande eine ganze Reihe von Weltkonzernen und Domizilen internationaler Holdings, die gefährdet sind. «Ihr Schweizer seid wahnsinnig naiv», sagte der deutsche Sicherheitsspezialist Sandro Gaycken in der «Nordwestschweiz». Die Behörden und die Unternehmen nähmen die Risiken viel zu wenig ernst.

Allmählich dämmert es aber auch hierzulande. Nachdem Bundespräsident und Verteidigungsminister Ueli Maurer die US-Abhör-Affäre noch vor wenigen Monaten heruntergespielt hatte, sagte er vergangenen Sonntag in dieser Zeitung: «Jeder, der interessant ist, muss offenbar damit rechnen, abgehört zu werden.» Und: «Ausschliessen würde ich heute gar nichts mehr.»

Es ist richtig, dass nun Parlamentarier aufwachen und die US-Spionagetätigkeit in der Schweiz untersuchen wollen. Und es ist richtig, dass sie versuchen, Informationen bei Whistleblower Edward Snowden einzuholen. Fast täglich kommen neue Details zu Abhörpraktiken der US-Geheimdienste ans Tageslicht, die unter der Oberverantwortung des in Europa doch so umschwärmten Präsidenten Obama jedes Mass verloren haben. US-Abhörzentralen in Genf, nun auch in Zürich: Die Schweiz, die so viel auf ihre Souveränität und den Schutz der Privatsphäre gibt, sollte ihre Naivität endlich ablegen.

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