Es war keine gute Woche für Präsident Obama, obwohl am Freitag bekannt wurde, dass die Arbeitslosenquote gesunken ist. Zu schmerzhaft war die Niederlage am Mittwochabend in Denver in der Debatte gegen Mitt Romney gewesen. Genau so wie der unerwartet aggressive und voller Selbstvertrauen streitende Romney, war auch der erblasste, schwache und zögernde Obama fast nicht mehr wiederzuerkennen. Und das nur einen Monat vor dem Wahltag.

Der Wahlkampf geht in die entscheidende Phase. Noch liegt Obama in den Umfragen vorne. Doch Romneys Auftritt hat den Kampf ums Weisse Haus wieder spannend gemacht. Viele bisher unentschlossene Wähler dürften nach der ersten Debatte auf die Seite des Republikaners gekippt sein. Weitere werden folgen, sollte es Obama nicht schaffen, in den letzten zwei Debatten deutlich zuzulegen.

Umso mehr schlägt jetzt die Stunde der Tausenden freiwilligen Helfer Obamas. Im ganzen Land wurden sie rekrutiert, um dem Präsidenten Stimmen zu sichern. Das grösste Freiwilligen-Heer nach dem liberalen Kalifornien ist in Illinois. Kein Wunder, schliesslich repräsentierte Obama den Staat vier Jahre lang als Senator in DC. Und die Präsidentenfamilie hat noch immer ein Haus in Chicago.

Sisyphus-Arbeit
In einem Grossraumbüro an der 218 South Wabash Street in Chicago, gleich neben der lärmigen Metrolinie, hat das Illinois-Kampagnenteam sein Wahlkampfzentrum eingerichtet. Die Zentrale der nationalen Wahlkampagne ist ebenfalls in Chicago stationiert, allerdings im streng bewachten Prudential-Gebäude beim Millennium-Park, in dem Obama am 4. November 2008 seine berühmte Siegesrede hielt.

Bei der Wahlkampftour wird Illinois von den Präsidentschaftskandidaten hingegen praktisch links liegen gelassen. Denn beiden ist klar: Das hier ist Obama-Territorium. Zwar gibt es durchaus konservative Gegenden ausserhalb Chicagos, doch haben diese gegenüber der liberalen Grossstadt politisch kein massgebendes Gewicht.

An der Wabash Street wird seit Monaten tagtäglich für Obamas Wiederwahl gekämpft. Tagsüber und am Abend kommen bis zu 50 Freiwillige vorbei und rufen während drei bis vier Stunden Haushalte in den umstrittenen Swing States an. Ganze Stapel an Adresslisten erhält jeder Helfer. Eine Sisyphus-Arbeit, denn die meisten Anrufe bleiben unbeantwortet. Am vergangenen Mittwochnachmittag haben sieben Leute 225 Telefonanrufe durchgeführt, aber nur mit 45 Leuten gesprochen. Ein überdurchschnittliches Resultat.

“Es geht um mehr als nur Amerika"
Zu den Freiwilligen gehören unter anderem die 21-jährige Ritta Merza, eine Politologie-Studentin aus Chicago, und Kresten Lundsgaard-Leth, ein 29-jähriger Philosophie-Student aus Dänemark. „Ich möchte den demokratischen Prozess in der Praxis kennenlernen“, sagt Ritta. Leider ergäben sich wenig Gespräche am Telefon, „aber ich komme nächste Woche wieder, um Barack Obama zu helfen.“ Auch Kresten ist aus ideellen Gründen hier: „Hier geht es um mehr als nur das Schicksal von Amerika.“ Zudem schreibe er seine Abschlussarbeit zum Thema „Hope“ – Hoffnung, dem Motto von Obamas Wahlkampf 2008.

Ziel der Telefonanrufe ist es, herauszufinden, wer seine Stimme bereits abgegeben hat. Denn in mehreren Staaten können die Wähler ihre Stimme schon vor dem 6. November abgeben. Wenn ein Demokrat noch nicht gewählt hat, so wird er oder sie dazu ermutigt. Bei Unentschlossenen wird das wichtigste Thema ausgemacht, das ihnen am Herzen liegt, und dann versucht, sie für Obama zu gewinnen. Und nimmt ein Republikaner den Hörer ab, heisst es „have a nice day“, einen schönen Tag noch.

„In Chicago haben wir 30 Büros“, sagt Janelle Rau-Clauson, Chefin des Illinois-Kampagnenteams. Und im ganzen Staat Illinois könne sich Präsident Obama auf eine Schar von mehreren zehntausend Helfern verlassen. Nicht alle treffen sich in gemieteten Büros. „Manchmal ist es nur ein Starbucks.“

Von Haustür zu Haustür
Lynn Hauser ist freiwillige Teamleiterin im 42. Bezirk Chicagos, zum dem auch das Stadtzentrum gehört. „Ich engagiere mich seit 13 Monaten für die Kampagne“, sagt die 57-Jährige. Lynn arbeitete früher in der Navy als Krankenschwester. Heute ist sie selbstständig. „Pro Woche investiere ich mindestens 30 Stunden für den Wahlkampf.“ Sie habe schon immer die Demokraten gewählt. „Aber vor vier Jahren war alles anders. Ich bin Barack Obama und seiner Vision für ein neues Amerika absolut verfallen.“ Sie schätzt es, dass sich Barack und Michelle für die Familien von Militärangehörigen einsetzen. Sollte Romney gewinnen, möchte sie sich zumindest sagen können, alles gegeben zu haben, um dies zu verhindern. „Und dann mache ich das, was ich unter Bush Junior getan habe: Beten, dass es bald vorbei ist.“

Jeden Samstag fahren Autos und Busse aus allen 50 Bezirken Chicagos in die Swing States. An Bord sind Obama-Supporter jeden Alters, aber vor allem College-Studenten. Insgesamt strömen laut Hauser jedes Wochenende bis zu 3000 Freiwillige aus Illinois in die umkämpften Staaten. In den nahe liegenden Swing States, wie Wisconsin und Iowa, wird dann sogenanntes Canvassing betrieben: Die Freiwilligen gehen von Haustür zu Haustür und suchen den direkten Kontakt zur Wählerschaft. „Wenn wir Glück haben, sind 20 Prozent der Leute zu Hause.“ An den kommenden Samstagen lautet das Ziel Iowa. „Um sieben Uhr früh fahren wir jeweils los, denn die Fahrt dauert drei bis vier Stunden“, sagt Lynn Hauser. Oft sind die Obama-Helfer erst um acht oder neun Uhr abends wieder zu Hause in Chicago.

Wichtig ist vor allem, dass die Leute früh wählen gehen. „Das gibt uns Sicherheit“, sagt Lynn Hauser. „Denn man weiss nie, was am 6. November alles passieren kann, sei es ein Schneesturm oder Verkehrschaos.“ Dann blieben die Leute zu Hause. „Kürzlich hatten wir eine 102-Jährige auf der Liste entdeckt, und dann wurden alle ganz nervös, weil niemand wusste, ob sie schon gewählt hat.“

Romney mit mehr Geld, aber weniger Helfern
Während Mitt Romneys Team beispielsweise in Utah Wahlkampfhelfer mit Gratis-Hotelunterkünften, Bussen und Verpflegung in den Swing State Nevada lockt, müssen Obamas Supporter für ihre Reise selber aufkommen. „Nur das Benzin wird bezahlt“, sagt Janelle Rau-Clauson. Oft würden andere Demokraten vor Ort die Freiwilligen für eine Nacht bei sich aufnehmen.

Im Vergleich zu 2008 sei es anfangs schwieriger gewesen, Freiwillige zu rekrutieren, sagt Rau-Clauson. „Man spürt, dass die Euphorie etwas nachgelassen hat.“ Doch mittlerweile sei man wieder auf Vorjahresniveau. „Romney mag mehr Geld haben, aber wir haben dafür viel mehr Freiwillige.“

Das zeigte sich auch am Mittwoch: Die Demokraten teilten mit, dass im ganzen Land mehr als 4000 „Debate Watch Parties“ stattfinden würden, während es bei den Republikanern nur 336 waren. Auch in Chicago schauten sich zahlreiche Obama-Fans das TV-Duell gemeinsam vor dem Fernseher an. Im Partyraum von Lynn Hausers Wohnkomplex, gleich neben dem Michigansee, kamen rund 40 Leute zusammen. Sie brachten Pizza, Cola, Chips, Bier und Wein. Bei polemischen Aussagen von Romney wurde gemeinsam hämisch gelacht, bei den wenigen Angriffen Obamas gemeinsam applaudiert.

Werbeschlacht geht weiter
Am Schluss der Debatte bat Lynn alle Anwesenden um Hilfe. Man sei um jede Hilfe froh. Wer nicht nach Iowa wolle fürs Canvassing, könne in den letzten heissen Tagen auch nur ins Büro kommen und die Freiwilligen vor Ort umsorgen, sei es mit Kaffee oder Sandwiches.

Obama ist auf den Effort der Freiwilligen in Illinois angewiesen. Laut der „New York Times“ hat Romney kürzlich in Iowa eine Million Dollar für TV-Spots ausgegeben, und 2 Millionen in Nevada. Am Dienstag folgen weitere 11 Millionen Dollar von der konservativen Gruppe American Crossroads in verschiedenen Swing States. Und laut „USA Today“ führen die Republikaner in North Carolina neunmal mehr Telefonanrufe und mehr als doppelt so viele Hausbesuche als vor vier Jahren durch.

Kommt hinzu, dass Romneys Debattensieg am Mittwoch seine Kriegskasse weiter füllen wird. Dabei hatte sein Team noch vor wenigen Tagen befürchten müssen, dass die republikanischen Sponsoren im Falle einer Niederlage im TV-Duell die Geldhähne zudrehen und ihre Kräfte auf die Senats- und Kongresswahlen konzentrieren würden. Doch Romney gewann. Und jetzt sieht vieles anders aus.