Der Staat Nebraska im Mittleren Westen der USA gilt als äusserst konservativ. Seit 1940 gaben seine Bürger mit nur einer Ausnahme stets dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten ihre Stimme. Nur 1964 schaffte es Lyndon B. Johnson, hier als Demokrat zu gewinnen.

In Nebraska gibt hunderte von kleinen Dörfer mit weniger als tausend Einwohnern, in denen die christliche Kirche und zum Teil auch Rassissmus herrschen (siehe Reportage dazu auf sonntagonline.ch/blog/usa). Viele Amerikaner auf dem Land halten Obama für einen Muslim, der nicht in den Staaten geboren wurde. Und laut einer aktuellen Umfrage der Zeitung „Omaha World-Herald“ sind 64 Prozent der Bürger Nebraskas für einen Militärschlag gegen den Iran, um ihn von der Herstellung einer Atomwaffe abzuhalten.

Insofern überrascht es, dass es in der grössten Stadt Nebraskas eine muslimische Gesellschaft gibt. „In Omaha alleine gibt es etwa 7000 Muslime, und in ganz Nebraska 12000“, sagt Muhammed Sackor, Imam des Islamic Center Omaha. Die meisten kämen aus Pakisten, Indien, dem Nahen Osten und Westafrika. Praktisch alle leben laut Sackor in den grösseren Städten Omaha und Lincoln und sind gut ausgebildet. Die ersten Muslime seien Ende der Achtziger-Jahre gekommen, viele für ein Medizinstudium, und sind dann geblieben. Laut Schätzungen leben in den USA knapp rund Millionen Muslime.

Keine Drohbriefe
Seit dem Mord am US-Botschafter und drei anderen Amerikanern in Lybien vor drei Wochen habe es keine Drohbriefe an das Islamic Center gegeben, sagt Sackor. „Ich habe auch sonst noch nie gehört, dass jemand in Omaha wegen seines islamischen Glaubens beleidigt oder angegriffen wurde. Die Meisten hier sind dem Islam wohlgesinnt.“ Wobei diese Aussage in erster Linie in den grösseren Städten gültig sein dürfte.

Sackor hat das in den USA hergestellte Video, in dem der Prophet Mohammed als Frauenheld und Homosexueller dargestellt wird, selber nicht gesehen. Er kann die entstandene Wut aber nachvollziehen: „Wenn man Mohammed als Propheten anerkennt, muss man ihn mehr als sich selbst lieben, mehr als sein Eigentum, mehr als seine Eltern und seine Kinder. Es mag ein schlecht gemachter Film sein, aber unser Prophet ist heilig.“ Muslime würden ihre Religion stärker als Andere leben. „Stärker als alle anderen Religionen zusammen.“ Jeder dürfe seine Wut zeigen, „aber ohne Gewalt.“

Dass Präsident Obama und Aussenministerin Hillary Clinton sowohl die Filmemacher als auch die gewalttätigen Protestierenden öffentlich kritisierten, findet Sackor richtig. Dies solle die Regierung übrigens auch bei jeder Jesus-Satire tun, auch wenn diese jeweils keine Ausschreitungen verursachen.

Doppelmoral
Er beurteilt die Wut in muslimischen Ländern nicht als inneren Kampf zwischen Vernunft und Religion, sondern als Kampf gegen eine Handvoll Extremisten. „Echte Muslime demonstrieren friedlich.“ Und es gäbe auch im Koran Passagen über die Meinungsfreiheit. „Wenn jemand Blasphemie verbreitet, müssen wir ihn aber davon mit Weisheit abhalten.“ Ausserdem beobachte er eine Doppelmoral im Westen. „Als man versuchte, die Publikation der Nacktbilder von Kate Middleton zu verbieten, ging es um den Schutz der britischen Monarchie. Hier sprechen wir aber von einem heiligen Propheten, dem rund 1.6 Milliarden Menschen folgen.“

In Omaha sei das Image der Muslime sehr gut, sagt der 32-Jährige. Dieses Jahr hätten rund 25 Amerikaner in Omaha zum Islam konvertiert. Vor allem nach den Anschlägen am 11. September hätten sich viele Leute über den Islam informiert und seine Botschaft der Toleranz und Warmherzigkeit erkannt. „Wenn man den Islam kennenlernen will, sollte man die wahren Lehren aus dem Koran lesen, und nicht jemanden in einer afghanischen Höhle zuhören.“

Der aus Liberia stammende Imam nimmt in den USA aber auch Stimmen wahr, die dem Islam nicht wohlgesinnt sind. „Leider bezeichnet der rechte Sender Fox Muslime immer als die Anderen, die man nicht in die amerikanische Gesellschaft integrieren könne.“ Fox würde stereotype Bilder von Muslimen verbreiten und verwende aggressive Rhetorik gegenüber dem Islam. „Was Fox macht, finde ich abscheulich, und weil sie so viele Zuschauer haben, ist es auch gefährlich.“

Mehrheit für Demokraten
Wie wählen die amerikanischen Muslime am 6. November? „Es gibt verschiedene Statistiken, die zeigen, dass bis zu 85 Prozent der Muslime in den USA die Demokraten wählen “, sagt Sackor. Damit ist das muslimische Wahlverhalten umgekehrt im Vergleich zu anderen religiösen Völkergruppen, die aufgrund ihres Konservatismus eher republikanisch wählen.

Imam Sackor betont, dass zwar die meisten Muslime die „Pro Choice“-Haltung des Präsidenten nicht unterstützen, also gegen Abtreibung sind. „Aber die Demokraten sind anderen Religionen gegenüber aufgeschlossener und weniger ausgrenzend.“ Zudem dürften die Republikaner nach 9/11 viele muslimische Stimmen in der von anti-islamischen Ressentiments geprägten Amtszeit von George W. Bush verloren haben.

Die Haltung der muslimischen Gemeinde in den USA steht in Kontrast zu vielen muslimischen Ländern, in denen die USA seit Obamas Wahl unbeliebter werden. Wie der renommierte Historiker Niall Ferguson diese Woche im Magazin Newsweek schrieb, hatten vor vier Jahren 75 Prozent der Ägypter ein schlechtes Bild der USA. Heute sind es 79 Prozent.

Wichtige Kairo-Rede
Ferguson macht die halbherzige amerikanische Unterstützung des Arabischen Frühlings verantwortlich. Auch die besänftigende Rede von Obama am 4. Juni 2009 in Kairo hält Ferguson für einen Fehler – mit einem Verweis auf Macchiavelli: „Es ist viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden.“

Der Imam sieht das anders: „Präsident Obamas Rede in Kairo war sehr wichtig. Das war ein historischer Moment nach einer langen Zeit der Konfrontation zwischen der Bush-Regierung und der islamischen Welt. Die meisten schätzten, dass Obama seine Hand ausstreckte.“

Dennoch glaubt Sackor nicht an einen Rückfall in alte Zeiten, sollte mit Mitt Romney wieder ein Republikaner Präsident werden. „Muslime in Amerika sind mittlerweile sehr wichtig für das Land, in der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Man kann uns nicht einfach ausgrenzen. Auch wir tragen heute zum amerikanischen Traum bei.“