Kommentar: Wenn es darum geht, eine Haltung gegenüber Künstlern zu zeigen, die hinter Wladimir Putins Politik stehen, suchen Schweizer Kulturveranstalter in fadenscheinigen Argumenten Zuflucht. Sie zeigen sich zurückhaltend. Die Politiker geben ihnen die Linie vor. LucerneFestival-Intendant Michael Haefliger sagt lieber, «wir verfolgen die Situation in Russland mit grosser Aufmerksamkeit» als «wir verfolgen die Situation in Russland mit Besorgnis». Mit den russischen Künstlern beziehungsweise wohl eher mit den russischen Geldgebern will es sich keiner verscherzen. Schwamm drüber, c-Moll verletzt doch kein Völkerrecht … Das Publikum soll entscheiden. Bejubelt es allerdings Gergiev, bejubelt es auch Putins Propaganda-Maschinerie.

Die Migros beruft sich beim Engagement von Putins Dirigentenfürst Valery Gergiev auf einen längst geschlossenen Vertrag und auf dessen künstlerisches Können. Martin Engstroem, Intendant des Verbier Festival, empfindet es als ungeheuerlich, Engagements von Gergiev & Co. zu überdenken, solange diese Künstler nicht für kriminelle Taten verurteilt seien. Die Stadt München hingegen diskutiert heftig, ob Gergiev als zukünftiger Chefdirigent der Philharmoniker noch tragbar sei. Man zweifelt das Unpolitische der Musik an und verharmlost den russischen Bruch des Völkerrechts nicht. Gergiev soll sich erklären, wird gefordert, tue er es nicht, sei er als Aushängeschild der Stadt nicht tragbar.

Gergiev ist auch ein Aushängeschild von Luzern und der Migros. Ist es zu viel verlangt, ihn aufzufordern, sich einer öffentlichen Diskussion zu stellen? Sich hinter der Musik zu verstecken, ist einfach. Sollten Gergievs Worte ebenso überzeugen wie sein Dirigat, kann ihn das Publikum immer noch bejubeln.

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