Die Fahrt von Omaha nach Chicago dauert knapp zehn Stunden. Und wie auf den beiden ersten Streckenabschnitten der Reise macht sich auch hier eine amerikanische Tradition bemerkbar. Das Mooning. Dabei handelt es sich um das Vorführen des blanken Hinterns an vorbeifahrenden Vehikeln, in diesem Fall am Amtrak-Zug. Sei es an Flussufern (s. Bild), auf Wiesen oder hinter einem Zaun: Immer wieder erblickt man heruntergelassene Hosen und entblösste Gesässe.

Konstitutionelles Recht
Wer nun denkt, dies sei ein Ausdruck von einigen wenigen, gelangweilten Teenagern, der irrt. Wir sprechen hier nicht von zwei, vier, sechs oder acht jungen Pobacken, sondern einem ganzen Haufen in allen Alterskategorien. Mooning hat Tradition im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Man könnte sagen, es sei Teil des amerikanischen Kredos „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“ (Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit), wie es Thomas Jefferson in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festhielt. 2006 entschied ein Gericht in Maryland gar, dass es eine Form des künstlerischen Ausdrucks sei und ein konstitutionelles Recht auf Meinungsfreiheit darstellt – solange die Genitalien dabei nicht präsentiert werden.

Eine kleine Etymologie-Recherche im Internet zeigt, dass das Verb „to moon“ – dem (Mond)licht aussetzen – seit dem Jahr 1601 existiert. Die Verwendung des Prädikats in der Bedeutung von „das Gesäss entblössen“ kommt aus der US-amerikanischen Studentensprache und wurde 1968 erstmals schriftlich erwähnt. Blickt man noch weiter zurück stösst man auf das „Whakapohane“ in Neuseeland. So nennt man auf der Kiwi-Insel die Geste, die die Maoris gegenüber dem Feind praktizierten, bis die Europäer kamen. Doch wird das Verhöhnungsritual zuweilen noch immer verwendet. 1983 entblösste ein Maori-Aktivist sein Hinterteil gegenüber Prinz Charles und Prinzessin Diana, um gegen den Besuch der britischen Krone zu protestieren.

Backen für Barack?
Wer weiss, vielleicht wird die eine oder andere Pobacke entlang der Amtrak-Zugstrecke ebenfalls aus Protestgründen gezeigt. Eine Backe für Obamacare, die andere für Mitt Romneys 47-Prozent-Aussage. Oder gleich beide Backen für das fehlende Staatsbudget!

Das „Annual Mooning of Amtrak“ gegenüber vorbeifahrenden Zügen startete 1979 in Kalifornien. Bald wurde daraus eine jährliche Tradition, die auch im Landesinneren Verwendung fand. Der partielle Nackttag – jeweils am zweiten Samstag im Juli – dauert Tag und Nacht. In der Dunkelheit wird mit einer Taschenlampe nachgeholfen, um die Visibilität für die Zugpassagiere zu verbessern und gleichzeitig dem Begriff noch gerechter zu werden. Schliesslich erstrahlt so das nackte Runde genau wie der Mond am Himmelszelt.

Heiteres Gelächter
Den Höhepunkt erreichte der Anlass im Jahr 2008. Knapp 10000 Menschen kamen. Doch die Freude schwappte über. Frauen fühlten sich veranlasst, ihre Brüste zu entblössen. Manche „Mooners“ waren betrunken, hatten öffentlichen Geschlechtsverkehr und urinierten, wo und wann sie gerade mussten. Es war das Woodstock des Moonings! Die Polizei kam. Es folgten mehr Regeln, und mittlerweile ist die Unbeschwertheit vorbei. Laut eines Artikels der kalifornischen Zeitung „Orange County Register“ nahmen dieses Jahr gerade mal noch 30 Leute, beziehungsweise 60 Backen, am „Annual Mooning of Amtrak“ teil.

Dies hält aber die Mooner Amerikas nicht davon ab, ihr Hinterteil an einem gewöhnlichen Wochentag vorzuführen, sei es zwischen Sacramento und Reno, Denver und Lincoln, oder Omaha und Chicago. Bei diesen spontanen Entblössungen ist die Unbeschwertheit noch vorhanden. Und die meisten Zugpassagiere amüsieren sich köstlich. Manchmal fast zu sehr. Denn zwischen Denver und Grand Junction sind im Panoramawagen stets zwei Vertreter der Nationalparks an Bord, die auf die vielfältige Flora und Fauna entlang der Zugstrecke aufmerksam machen wollen. Doch werden ihre Erklärungen immer wieder durch heiteres Gelächter unterbrochen. Dem Mooning sei dank.

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http://blog.xeit.ch/2012/10/blog-uber-den-wahlkampf-in-den-usa-interview-mit-benjamin-weinmann/