47 Prozent der amerikanischen Bevölkerung bezahlen keine Einkommenssteuer, sind vom Staat abhängig und fühlen sich als Opfer. Einfach gesagt: Rund die Hälfte der Amerikaner sind Schmarotzer. Deshalb brauche er sich gar nicht erst um sie zu kümmern, wenn es um Stimmenfang geht, da sie sowieso Präsident Obama wählen werden. Mit diesen Aussagen, die Mitt Romney im Mai an einem privaten Wahlkampf-Spendenanlass tätigte, und diese Woche an die Medien gelangten, stiess der Republikaner viele Wähler vor den Kopf. Und er fügte seiner Wahlkampagne eine grosse Delle zu.

Zeigte Romney damit sein wahres Gesicht? Und inwiefern sah man hier den Mormonen Romney? Denken alle seine Glaubensbrüder und –schwestern gleich? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, muss man nach Utah reisen, ins Herz der Church of Latter-day Saints, wie sich die mormonische Kirche nennt. Auf Deutsch heisst sie Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

In der heutigen Hauptstadt Salt Lake City liessen sich die Jünger der Kirche 1847 nieder, unter der Führung ihres zweiten Propheten Brigham Young. Die ganze Stadt mit ihrem Strassennetz wurde rund um den Tempel im Stadtzentrum aufgebaut, zu dem nur würdige Kirchenmitglieder Zutritt haben. Hier liessen Mitt und Ann Romney 1969 ihr Ehebündnis für die Ewigkeit versiegeln.

The Beehive-State
Zu Beginn gehörte praktisch alles der Kirche, von der Bank bis zum Spital. Mit der Zeit hat sie einige ihrer Unternehmen verkauft, auch weil sie immer wieder für ihren grossen Einfluss kritisiert wurde. Was in der Stadt relativ schnell auffällt, sind die vielen Bienenstock-Symbole (Englisch: Beehive). Es ist das Symbol der Kirche und steht für den Fleiss und die hohe Arbeitsmoral der Mormonen, die sich selber Latter-day Saints nennen. Utahs Spitznamen lautet entsprechend „The Beehive-State“.

„Mormonen ist es wichtig, dass man sich um die Armen und Kranken kümmert“, sagt Quin Monson, Politologie-Professor und Direktor des Center for the Study of Elections and Democracy an der Brigham Young University in Provo. Monson ist Mormone, wie die rund 98 Prozent der Studenten an der Universität im Süden von Salt Lake City. „Aber man stösst bei den Mormonen auf Widerstand, wenn es um die Frage geht, ob sich der Staat um die Armen und Kranken kümmern soll.“

In der mormonischen Theologie werde das soziale Sicherheitsnetz stark betont, sagt Monson. „Mindestens so wichtig ist aber die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Zuerst sollte man sich auf die Familie verlassen, dann auf die Kirche, und erst ganz am Schluss auf den Staat.“ Es sei nicht verboten, zum Staat für Hilfe zu gehen. „Aber es wird sicher nicht dazu aufgerufen.“

Mitt, der Mormone
Wer staatliche Hilfe beansprucht, untergräbt somit die Institution Kirche und Familie, und zeigt damit, dass diese beiden Sicherheitsnetze nicht immer ausreichen – zum Missfallen der Kirchenleiter. „Diese mormonische Einstellung, mit der Betonung auf Eigenverantwortung, ist durchaus in Mitt Romneys Aussagen zu den 47 Prozent wiederzuerkennen“, sagt Quin Monson. Romney habe es einfach sehr hart formuliert. „Ein Kirchenvertreter würde das nie so sagen.“ Zumindest nicht mehr. Doch das war einmal anders. „Während der grossen Depression in den 30er-Jahren hat die Kirche wiederholt vor den Gefahren der staatlichen Sozialabhängigkeit gewarnt, obwohl damals, wie auch heute, zahlreiche Mormonen auf die Hilfe des Staats angewiesen waren.“

Heute sind jährlich konstant rund 55000 Missionare in der ganzen Welt in weissem Hemd und schwarzer Krawatte und mit Namensschild unterwegs, um Menschen von ihrem Glauben und dem Buch Mormon zu überzeugen. Die Kirche hat in allen Ländern, in denen sie vertreten ist, eine riesige Organisation aufgebaut, welche die Sozialhilfe des Staates praktisch überflüssig machen soll.

Am Welfare Square in Salt Lake City zum Beispiel steht ein Einkaufszentrum für Arme. Wer sich zuerst mit dem Bischof seiner Gemeinde trifft und mit ihm seine Bedürfnisse abklärt, kann im Welfare Square gratis die wichtigsten Esswaren für seine Familie abholen, von Milch, über Fleisch, bis hin zu Sirup, Ketchup, Aprikosen in Dosen oder Brot. Produziert werden die Waren alle in kircheneigenen Fabriken und Farmen unter dem religiösen Namen Deseret – ein Name aus dem Buch Mormon, der so viel wie Honigbiene bedeutet. „Ohne Gewinnorientierung“, wie Rick Foster, Leiter des Welfare Squares, betont. Je nach dem erhält man auch Kleider. Oder finanzielle Hilfe für das Abbezahlen der Hypothek oder des Autos. Finanziert wird alles durch die Spenden der Kirchenmitglieder.

Hilfe ja. Aber...
Am Welfare Square wird Leuten auch bei der Stellensuche geholfen. Egal ob Mormone oder nicht. Voraussetzung ist aber das Gespräch mit der Kirche, in dem der Bischof den Kirchenbesuch nahelegt. Und man muss sich verbessern wollen. Faule Obdachlose werden nicht ewig durchgefüttert. „Eigenverantwortung ist wichtig“, sagt Rick Foster. „Wir Mormonen möchten den Weg von Jesus Christus gehen und uns ständig verbessern, jeden Tag“, sagt Foster. „Wir helfen dir, aber wir machen nicht alles für dich. Wir wollen keine Abhängigkeit schaffen.“ Während der Wirtschaftskrise sei die Zahl der Hilfesuchenden stark gestiegen, gleichzeitig aber auch die Spendensummen der Kirchengemeinde.

Ein grosser Anker der Religion ist die Freiwilligenarbeit. Auch am Welfare Square arbeiten alle Angestellten – egal ob Putzfrau oder Anwalt – ohne Bezahlung. Und bei Naturkatastrophen spannt die Kirche regelmässig mit Wohltätigkeitsorganisationen wie dem Roten Kreuz zusammen und liefert Esswaren in die Krisengebiete.

Spricht Mitt Romney mit der Kritik an den 47 Prozent das aus, was alle Kirchenmitglieder denken? „Wir äussern uns nicht zu politischen Themen“, sagt Michael Otterson, Chef für öffentliche Angelegenheiten der Latte-day-Saints-Kirche in seinem Büro im Joseph-Smith-Memorial-Building, benannt nach dem Gründer und ersten Propheten der Kirche, das gleich neben dem Tempel steht. Vor allem jetzt, während der Präsidentschaftswahlen, betont die Kirche gebetsmühlenartig, dass sie politisch neutral sei. Man will tunlichst vermeiden, dass der Eindruck entstehen könnte, Mitt Romney sei der Kandidat der Kirche.

Weshalb wählen Mormonen republikanisch?
Dennoch ist klar, wem Utah und die Mehrheit der Mormonen am 6. November ihre Stimme geben werden: „Mormonen wählen überwiegend republikanisch“, sagt Quin Monson. Rund 70 Prozent der amerikanischen Mormonen würden sich als Republikaner bezeichnen. „Ich bin sicher, dass Mitt Romney in Utah mindestens 70, 80 Prozent der Stimmen holen wird. Unter den Mormonen könnten es bis zu 90 Prozent sein.“

Gibt es überhaupt liberale Mormonen? „Ja“, sagt Monson. „Aber seit sich die Demokraten Ende der 70er-Jahre für das Abtreibungsrecht ausgesprochen haben, und in den letzten Jahren für die gleichgeschlechtliche Ehe, wählen die meisten Mormonen republikanisch. Auch wenn sie bei anderen Themen wie die Demokraten denken.“ Dass diese beiden Themen für Mormonen so zentral sind, hat mit der übergeordneten Bedeutung der Familie zu tun. Mormonen haben laut Monson im Durchschnitt drei Kinder – mehr als die Evangelikalen im Süden.

Utah hat das jüngste Durchschnittsalter in den USA. In den sonntäglichen Gottesdiensten wimmelt es von Babies, Kindern und Teenagern. Das Buch Mormon – bestehend aus den göttlichen Schriften, welche Joseph Smith vom Engel Moroni auf goldenen Platten erhalten haben soll, und für die Mormonen eine Erweiterung zur Bibel darstellt – verspricht die Vereinigung der Familie in der Ewigkeit. Eine Vorstellung, die mit Abtreibung und Homo-Ehe nicht kompatibel ist.

Keine Zeitverschwendung in Utah
Romney ist sich seiner Popularität in Utah bewusst, vor allem aufgrund seiner erfolgreichen Zeit als Organisator der Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City und den Mormonen, die rund 60 Prozent der Bevölkerung des Beehive-States ausmachen.

Deshalb verschwendet Romney hier keine Zeit für öffentliche Anlässe. Seine Crew kann in Utah sogar Parteimitglieder rekrutieren, die an Wochenenden mit dem Bus sieben Stunden nach Las Vegas zu fahren, um im Swing-State Nevada beim Wahlkampf mitzuhelfen. Kosten und Logis werden aus Romneys Wahlkampfkasse bezahlt.

Diese Woche machte sein Kampagnen-Bus in Utah während drei Tagen Halt, doch nur für private Spendenanlässe in Kongresshotels. Seine Fans bekamen Romney nicht zu Gesicht – ausser man war bereit, 1000 Dollar pro Event zu bezahlen. Laut der „Salt Lake Tribune“ haben die Einwohner Utahs bisher dennoch 4.8 Millionen Dollar für Romneys Kampagne gespendet. Damit liegt Utah national an zweiter Stelle in Bezug auf die Pro-Kopf-Spende. Pro Einwohner hat Mitt Romney in Utah durchschnittlich 1.70 Dollar gesammelt – gegenüber 30 Cents für Barack Obama.

(Grosse Bildergalerie per Klick auf Bild)