Nun, beigetreten sind wir nicht. Sind wir deshalb zugrunde gegangen, wie Bichsel befürchtete? Nein, das sind wir nicht. Der Schweiz geht es so gut wie nie: In wirtschaftlicher Hinsicht ist aus uns ein kraftsprühendes Powerhouse mitten in Europa geworden. Andere Länder haben Mühe, mit der siebtgrössten Volkswirtschaft Europas, welche die Schweiz ist, Schritt zu halten. Die jüngsten Wirtschaftszahlen zeigen, dass sich die Schweiz allmählich von Europa abkoppelt.

Und wie ist es Resteuropa in den letzten 20 Jahren ergangen?

Europa geht es schlecht: In vielen europäischen Staaten grassiert die Arbeitslosigkeit. Im Oktober waren 25,9 Millionen EU-Bürger ohne Arbeit, was einer Quote von 11,7 Prozent entspricht. Absoluter Spitzenreiter ist Spanien mit 26,2 Prozent. Besonders bitter ist die Lage für Jugendliche, im EU-Schnitt sind 23,4 Prozent aller jungen Menschen ohne Job. Weil die Staaten dermassen verschuldet sind, können sie sich keine neuen Ankurbelungsprogramme mehr leisten. Ein Ende des wirtschaftlichen Schlingerkurses ist nicht absehbar. Ein europäisches Wirtschaftswunder ist mittelfristig nicht zu erwarten.

Europa kennt keine Solidarität: Die grossen Volkswirtschaften wie Frankreich und Deutschland erheben unmissverständlich Führungsanspruch. In Europa zwängt Kanzlerin Angela Merkel die Griechen in ein starres Sparkorsett, das die Volkswirtschaft zu strangulieren droht. In der Schweiz wäre ein solches an Folter grenzendes Vorgehen völlig undenkbar. Nicht vorzustellen, dass die Zürcher den Bernern Vorschriften machen würden, wie sie ihren Staatshaushalt zu bestreiten hätten. Es muckst auch niemand auf, wenn reiche Kantone den Berner Pleitiers jedes Jahr über eine Milliarde überweisen. In Europa schaut jeder für sich, Solidarität unter den EU-Staaten gibt es keine.

Europa ist zerstrittener denn je: Die britische Regierung liess am letzten Budgetgipfel der EU eine kleine Bombe platzen. Premier David Cameron machte klar, dass sein Land nicht noch mehr Geld in den Rachen der Brüsseler Überbürokraten stecken will. Doch auch in traditionell EU-euphorischen Ländern kommen ernsthafte Zweifel am Sinn eines Verbleibs in der Union auf. In Deutschland ist bereits jeder zweite Bürger der Meinung, dass es dem Land ausserhalb der EU besser erginge. Und eine komfortable Mehrheit von 65 Prozent wünscht sich die Wiedereinführung der D-Mark, wie eine Emnid-Umfrage Mitte September ergab.

Was hat das für die Schweiz zu bedeuten? Viel. Denn die Befindlichkeiten zeigen klar, dass mit der EU derzeit kein Staat zu machen ist. Die hausgemachten Probleme sind gigantisch, die Zentrifugalkräfte unberechenbar, der institutionelle Fahrplan völlig diffus. Die Schweiz muss gar nichts tun. Sie kann sich weiterhin auf ihre Rolle als gewichtiger Partnerin konzentrieren. Stets im Bewusstsein, dass sie kein unbedeutender Zwerg ist, wie manche Politiker in der Schweiz glauben. Sondern im Bewusstsein, dass die Schweiz nach den USA und China der drittwichtigste Handelspartner der EU ist.

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