122 Pflegebefohlene und Kinder sexuell missbraucht zu haben. Die meisten Opfer sind
geistig und körperlich behindert.

Der Kommentar: Man stellt sich ein ungeheuerliches Monster vor, das so etwas Abscheuliches tut. Es ist aber ein Berner Sozialtherapeut mit «sonnigem Gemüt». Ein Mann von «Freundlichkeit und Güte», der durch «grosszügige Hilfsbereitschaft» auffällt.

Einer, der «für die Sache der Behinderten lebt». So umschreiben ihn Arbeitszeugnisse, die ihm seine Arbeitgeber ausgestellt haben. Sie sind wohl mit ein Grund dafür, dass er immer wieder die Heime wechseln konnte – ohne dass in fast dreissig Jahren jemand etwas von den Übergriffen bemerkte. Und sie sind ein Teil der Antwort auf die Frage: Hätte man das wirklich nicht verhindern können?

Die Rufe nach harter Bestrafung dieses «Monsters» sind berechtigt. Verständlich sind auch die Forderungen nach schnellen politischen Konsequenzen – etwa jenen nach schwarzen Listen und Registern für pädophile Straftäter.

Die sollen verhindern, dass solche Täter je wieder mit Kindern oder verletzlichen Personen arbeiten. Das kann ein Präventionsinstrument sein. So, wie es die Erziehungsdirektorenkonferenz bei verurteilten Lehrern einsetzt, damit diese sich nicht den Föderalismus zunutze machen. Allerdings wird die Wirkung solcher Listen wohl überschätzt und sie reichen nicht aus, um das Problem zu lösen.

Auch die Institutionen und Verbände lancieren nun diverse Forderungen – um gegen die Ohnmacht zu kämpfen und zu zeigen, dass sie alles unternehmen, damit dieser Fall ein grauenvoller Einzelfall bleibt. Doch das schwierige Thema Übergriffe und Sexualität in Heimen ist nicht neu. Und vieles ist bereits in Bewegung – Prävention, Sensibilisierung, Ausbildung. Das ist offenbar noch nicht genug.

Sorgfältige Ausbildungen, genügend Personal (und auch Nachwuchs), Sensibilisierungskampagnen, Weiterbildung, Fachstellen: Solche Lösungen sind nicht die knackigen. Und oft kostspielig. Aber längerfristig wohl die wirksamsten. Dieser grauenvolle Missbrauchsfall hat alle aufgerüttelt. Wachsamkeit heisst das Gebot für längerfristigen Schutz – auch dann, wenn die grossen Schlagzeilen wieder vergessen sind.

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