Antwort von Oswald Grübel: Wenn heute ein neues Gesetz durch die demokratischen Instanzen gehen soll, wird zuerst einmal ermittelt, ob es dafür eine grosse populäre Mehrheit gibt. Das ist relativ einfach und akkurat festzustellen, durch Umfragen und Nutzung von Statistiken.

Die sogenannte Abzocker-Initiative sollte es einfach haben zu gewinnen. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung ist überzeugt, dass die «Abzocker» zu viel verdienen, und findet es deshalb richtig, die Löhne zu begrenzen. Man nimmt sein eigenes Einkommen als Beurteilungsbasis für andere.

Durch die heutige Technologie kann ziemlich genau vorhergesagt werden, wo Mehrheiten sind und womit man Gesetze durchbringt. Daran werden auch grosse Gegenkampagnen wenig ändern. Das Einzige, was sich ändern wird, ist das Verhalten der betroffenen Minderheit. Das sehen wir in Frankreich, wo vorgesehen ist, dass Einkommen über 1 Million Euro mit 75 Prozent Steuern belastet werden sollen. Einkommensmillionäre zeigen der Regierung Hollande den Rücken und wandern aus.

Aber es muss gar nicht so drastisch wie in Frankreich werden. Grossbritannien hat unter der vorherigen Labour-Regierung die Steuern für Einkommensmillionäre auf 50 Prozent erhöht. Das Resultat: zwei Drittel weniger Steuerzahler und auch zwei Drittel tiefere Steuereinnahmen.

In den meisten Staaten zahlt die Minderheit der Hochverdiener die Mehrheit der Steuern, auch in der Schweiz. Anstatt sie mit emotional geprägten Entscheiden zu vertreiben, sollten wir eigentlich versuchen, diese Leute zu halten, damit die Steuern für die Mehrheit weiter tief bleiben.

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