Der Kommentar: Gerechtigkeit ist ein abstrakter Begriff. Wie soll es für einen Menschen Gerechtigkeit geben können, der fast zu Tode geprügelt wurde? Doch darum geht es letztlich im Saal 177B vor der Jugendkammer des Oberlandesgerichts in München. Um Wolfgang O., dessen Gesicht «komplett nach rechts verschoben wurde», wie es die Ärzte formulierten. Ihm und vier weiteren Opfern von Mike, Benji und Ivan soll Gerechtigkeit widerfahren.

Um ein Verbrechen zu sühnen, muss zuerst die Schuldfrage geklärt werden. Wer also soll denn schuld sein – wenn nicht Mike, Benji und Ivan? Die Schule. So sehen es neuerdings die Anwälte. Sie wollen das Beste für ihre Klienten herausholen. Das ist ihr gutes Recht. Wie sie dies aber anstellen, ist nicht nur schlechter Stil, sondern kann sich auch kontraproduktiv auswirken.

Nach dem Schweigen ohne Ende folgt jetzt Teil 2 einer mehr als zweifelhaften Strategie – die Verantwortung wird kurzerhand an die Schule übertragen. Die Logik der Anwälte: Hätte der verantwortliche Schulleiter aus Küsnacht die Jugendlichen in München nicht in den Ausgang geschickt, wäre es auch nicht zu den Gewalttaten ihrer Klienten gekommen. Der Konjunktiv als letzter Strohhalm für die Verteidiger. Als ob die Schule für alles verantwortlich wäre, was ihre Zöglinge anstellen.

Aber es passt ins Gesamtbild: Keine Verantwortung übernehmen, keine Reue zeigen, keine Einsicht haben. Es soll mit allen Mitteln verhindert werden, dass es zu einer Verurteilung wegen versuchten Mordes kommt. Dabei geht ein entscheidendes Detail unter: Wenn es aufrichtig gemeint ist, kann man sich auch entschuldigen, ohne sich selbst zu belasten. Doch mit der neuerlichen Strategie, der Schule die Schuld zuzuweisen, ist auch dieser letzte strafmildernde Weg definitiv verbaut.

Ein kleines Beispiel verdeutlicht, wie strikt Mike, Benji und Ivan von ihren Anwälten instruiert wurden. Als der Schulleiter als Zeuge auftrat, wurde das Trio angewiesen, ihn nicht anzusehen. Dabei wäre es für sie höchste Zeit, der Realität endlich ins Auge zu blicken.