Der Kommentar: Der 2. Oktober 2001 war der traurige Tiefpunkt im Leben der Fluggesellschaft, die sich in ihrer über siebzigjährigen Geschichte immer wieder von Rückschlägen erholt hatte und in mancherlei Hinsicht zu einem weltweit bekannten Symbol schweizerischer Qualitäten herangewachsen war. Mit diesen Zeilen wende ich mich noch einmal direkt an die Angehörigen unseres Unternehmens. Viele unter Ihnen haben ihre ganze berufliche Laufbahn in den Dienst der Swissair und ihrer flugnahen Dienstleistungsbetriebe gestellt. Dafür gebührt Ihnen Dank und Anerkennung. Dass der langjährige loyale Einsatz so vieler Menschen ein derart unwürdiges Ende fand, ist und bleibt ein Schandfleck unserer Wirtschaftsgeschichte.

Es bestanden und bestehen keine Zweifel, dass eine Rettung der Swissair-Gruppe auch nach den tragischen Ereignissen des 11. Septembers absolut möglich war. Das Grounding und die daraus folgenden Schäden waren keinesfalls ein gewissermassen unabwendbares Naturereignis. Grounding und Nachlassstundung waren beabsichtigt und wurden von den geistigen Vätern des «Phönix»-Plans ganz bewusst in Kauf genommen. Der Bund entschloss sich erst nachher zur Hilfe.

Wie wir heute wissen, war dies eine sehr teure «Lösung» des ganzen Problems. Unzählige Menschen wurden von den sich ab dem 11. 9. 2001 überstürzenden Ereignissen und ihren Folgewirkungen betroffen. Alle mussten versuchen, das Beste aus der neuen Situation zu machen. (...) Dennoch gab es nur wenige Menschen, die nicht schmerzhafte Veränderungen in ihrer beruflichen Situation hinnehmen mussten. (...)

Wie Heraklit einmal zutreffend bemerkte, kann man «im gleichen Strom nie zweimal schwimmen». Alles fliesst, das Rad der Geschichte lässt sich nie zurückdrehen: Nur die Zukunft können wir beeinflussen. Dass die Auseinandersetzungen über das Grounding auch nach dem angeblich grössten Strafprozess in der Geschichte des Landes immer wieder aufflackern, beweist, dass das Schicksal der Swissair sehr vielen Leuten eben nicht gleichgültig war. Mit ihrem Tod ist ein Stück Schweiz gestorben – auch wenn Kritiker diese Aussage gerne ins Reich der Mythologie verbannen möchten.

Eine bemerkenswerte Tatsache ist hingegen deutlich festzuhalten. Von den in der Swissair-Gruppe tätigen operativen Gesellschaften – die verlustbringenden Airlines im Ausland ausgeklammert – sind heute alle noch da und erbringen im Markt gefragte Dienstleistungen. Dies untermauert die nüchterne Feststellung, dass die «alte» Swissair eben keine Ramschgesellschaft war, sondern im Gegenteil ein Unternehmen mit gesunder operativer Substanz. Das Gleiche gilt für die Firmen wie Gate Gourmet, SR Technics, Swissport oder Nuance, die sich allesamt im Markt durchgesetzt haben und ihren neuen Eigentümern erfreuliche Erfolge bescheren. (...)

Mit der Übernahme der Führungsverantwortung in der Mitte März 2001 verworrenen Lage verknüpfte ich mein eigenes Schicksal untrennbar mit jenem der Swissair, indem ich mich für fünf Jahre fest verpflichtete. Ich bedaure zutiefst, dass es nicht gelang, den Untergang abzuwenden. Man stellt mir manchmal die Frage, ob ich auch heute wieder bereit wäre, die Position eines Finanzchefs von Nestlé aufzugeben, um mich für die Rettung der Swissair zu engagieren. Meine Antwort ist seit zehn Jahren die gleiche: Für die Sache und die vielen Menschen, die an diese Sache glaubten, würde ich es wieder tun. Allerdings konnte ich im März 2001 nicht ahnen, als wie wertlos sich «Zusicherungen» von hochgestellten Exponenten erwiesen und mit welcher Niedertracht ich im Laufe der Krise konfrontiert werden sollte.

All dies wirkt vermutlich nicht sehr motivierend auf Menschen, die in der Zukunft vielleicht einmal vor ganz ähnlichen Entscheidungen stehen. Mein persönliches Vertrauen in gewisse Vertreter der helvetischen «Elite» wurde jedenfalls gründlich und wohl für immer zerstört. Es bleibt nur zu hoffen, dass das unnötige und abwendbare Grounding der Swissair ein einmaliger und sich nicht wiederholender Unglücksfall war. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, wird sich weisen müssen. (...) Trotz des tragischen Endes des Gesamtunternehmens denke ich gerne und oft an meine Swissair-Zeit zurück. Ich danke Ihnen noch einmal aufrichtig für Ihren Einsatz.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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