Der Kommentar: Seit 1. April 2004 ist eine Vergewaltigung in der Schweiz ein Offizialdelikt. Die Justiz muss also ein Verfahren einleiten, wenn sie von einem Delikt erfährt. Seitdem, so heisst es aufseiten von Polizei und Justiz, habe sich sehr viel geändert. Die Opfer würden mit mehr Fingerspitzengefühl behandelt, mehr respektiert. Das alles ist gut und wichtig. Aber noch nicht genug. Denn der Blick in die Statistik zeigt Erschreckendes: Die Zahl der Verurteilungen wegen Vergewaltigung ist beschämend tief – und nicht nur das, sie geht sogar zurück. So entsteht eine abstruse Situation: Die Männer, die Frauen erniedrigen, verletzen und traumatisieren, können sich relativ sicher fühlen. Nicht einmal jeder dritte Beschuldigte wird verurteilt. Die Opfer hingegen werden in den Mühlen der Justiz zerrieben.

Es ist klar: Die Arbeit der Staatsanwälte und Richter ist in solchen Fällen schwierig. Oft steht Aussage gegen Aussage, im Zweifel muss für den Angeklagten entschieden werden. Und doch müssen Justiz und Politik einen Effort machen, um die Situation der Opfer zu verbessern. Das beginnt bei der Erstattung der Anzeige. Noch immer berichten Opferhilfestellen, dass die zuständigen Beamten die Opfer nicht ernst nehmen. Das ist fatal: Eine Frau, die Verhöre und Untersuchungen über sich ergehen lässt und die ihr Intimleben vor den Beamten ausbreitet, muss er- und nicht entmutigt werden. Ebenso wichtig sind kürzere Verfahrensdauern. Es darf nicht sein, dass sich ein Prozess über mehrere Jahre hinzieht – Jahre, in denen das Opfer immer wieder mit dem Erlebten konfrontiert wird. Schliesslich muss die finanzielle Unterstützung der Opfer verbessert werden. Zwar sieht das Opferhilfegesetz vor, dass der Staat die Anwaltskosten der Opfer trägt. Doch oft werden Leistungen bis zum Abschluss des Prozesses vorenthalten, die Opfer kommen an ihre finanziellen Grenzen.

All dies sind Faktoren, die dazu führen, dass viele Vergewaltigungsprozesse nicht geführt werden können – weil die Frauen entmutigt sind und von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Die Schweiz braucht eine Justiz, die den Opfern Respekt zollt – und die nicht die Täter begünstigt.