Der Kommentar: Mein Bekenntnis vorweg: Nicht falsch verstandene Grossherzigkeit oder Sozialromantik haben mich motiviert, der 0,5-Prozent-Botschaft zuzustimmen, sondern die Einsicht, dass es für Europa und auch für die Schweiz zwingend ist, vor Ort im Rahmen des Möglichen einen Beitrag zur Stabilisierung der ärmsten aller Länder zu leisten, wenn wir verhindern wollen, dass wir in naher Zukunft von Flüchtlingsströmen überrannt werden. Selbst die Ärmsten dieser Welt möchten prinzipiell ihre Heimat nicht verlassen. Sie sind aber auf unsere Unterstützung angewiesen, damit sie dem Pulverfass der Verzweiflung nicht entfliehen müssen.

Die Schweiz hat im Jahr 2000 bei der Unterzeichnung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen einen Beitrag von
0,7 Prozent des Bruttoinlandeinkommens versprochen. Im Dezember 2008 hat der Nationalrat dem Bundesrat den Auftrag erteilt, eine Botschaft für einen Zusatzkredit auszuarbeiten, welche den Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe der Schweiz bis zum Jahr 2015 auf 0,5 Prozent erhöht. Damit die entsprechenden Investitionen nun tatsächlich getätigt werden können, braucht es die Zustimmung des Nationalrats. Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die im Nachgang zu den Konferenzen «Kopenhagen» und «Cancún» ihren Worten bis jetzt noch keine Taten folgen liessen.

Sämtliche neuen Risiken, die auch unser Land bedrohen, sind heute global: Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Flüchtlingswesen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Antworten auf diese Herausforderungen können nicht mit Vorurteilen und Abschottungstheorien bewältigt werden, sondern rufen nach Kooperation und vernetztem Denken – ohne naives «Gutmensch-Denken», aber mit dem Willen, wenn nötig unbequeme Antworten auf brennende Fragen zu finden.

Zu glauben, was beispielsweise in Afrika geschieht, tangiere die Schweiz nicht wirklich, wäre blauäugig. Von 40 Subsahara-Afrika-Staaten befinden sich derzeit rund 25 in bewaffneten Konflikten und über 3 Millionen Menschen sind in diesem Zusammenhang auf der Flucht. Tausende von Frauen und Mädchen werden noch heute im Kongo Opfer von Vergewaltigungen, welche als eigentliche «Waffe» eingesetzt werden im Umfeld ethnischer, blutiger Konflikte.

Nicht alle Opfer und Vertriebenen werden an der Aussengrenze von Schengen stranden, aber die Gefahr von neuen und grossen Flüchtlingswellen ist real. Die Schweiz hat in diesem Sinne ein grosses Eigeninteresse, gezielte Hilfe vor Ort, in Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen (NGO) und anderen Ländern vernetzt zu leisten. Unser Land hat zurzeit rund 45 Rückübernahmeabkommen unterzeichnet und ist gute Migrationspartnerschaften eingegangen. In Afrika stehen wir allerdings erst am Anfang. Nur gerade mit Nigeria konnte bis heute ein Rückübernahmeabkommen unterzeichnet werden.

Was man als Besucher einiger afrikanischer Staaten vorfindet, ist brutal und äusserst deprimierend. Die Kommissionsreise der IZA (Beratende Kommission für internationale Entwicklungszusammenarbeit) nach Burundi, Kongo und Rwanda hat mir vor Augen geführt, was mangelnde Corporate Governance, ein hoher Korruptionsgrad, Bevölkerungsexplosion und Analphabetismus bedeuten und was Armut in diesem Ausmass auch für unsere Schweiz künftig für Konsequenzen haben kann, gelingt es nicht, diese Länder einigermassen zu stabilisieren.

Die Reise mit Swissaid in den Tschad war noch dramatischer: Seit der Ölförderung ist das Land von der Armut in die Misere geraten. Der einst von der Weltbank ausgehandelte Deal zur Ölförderung, welcher hätte Armut lindern sollen, wurde von der Regierung schlecht umgesetzt und es macht deshalb ganz entschieden Sinn, die örtlichen Zivilgesellschaften zu stärken, will man die explosive Situation beruhigen. Wer genauer hinschaut, verliert die Unschuld der Vorurteile.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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