Mehr als Händeschütteln

Kaum ein Schweizer ist im Ausland so gut vernetzt wie Adolf Ogi, vielleicht abgesehen von Roger Federer und Philipp Hildebrand. Ogis Partei, die SVP, sah es mit Argwohn, wenn Ogi mit François Mitterrand im Helikopter über die Alpen flog, Helmut Kohl, Tony Blair und Bill Clinton besuchte und ihnen einen Bergkristall schenkte. Ogi gehe es doch nur darum, die Mächtigen berühren zu dürfen, ätzten damals Zürcher Parteivertreter.

Dass Politiker oder Wirtschaftsführer – und ja, auch wir Journalisten – sich bisweilen wie kleine Kinder verhalten, wenn sie in der Nähe eines Weltstars sind, lässt sich jedes Jahr in Davos am WEF beobachten. Gestandene CEOs und Nationalräte wollen da mit Bono, Bill Gates, David Cameron oder Marissa Mayer aufs Foto. «Selfies» mit einer Berühmtheit sind im Handyzeitalter so einfach wie nie.

Gleich fünf Bundesräte reisten diesmal nach Davos, das sorgte hier und dort ebenfalls für Spott. Zu Unrecht. Denn hier geht es nicht um «Selfies», nicht ums Händeschütteln. Der Heimvorteil, den sie an Klaus Schwabs Weltwirtschaftsforum geniessen, ermöglicht es Bundesräten und Parlamentariern, Spitzenpolitiker zu treffen, die sich sonst nicht Zeit nehmen würden für sie. Das Nicht-EU-Mitglied Schweiz muss die seltenen Gelegenheiten zur Beziehungspflege nutzen. Wir können nur erfolgreich unabhängig bleiben, wenn wir auch den einen oder anderen Freund draussen in der Welt haben.

Ironie der Geschichte ist, dass dreizehn Jahre nach Ogis Rücktritt aus dem Bundesrat ausgerechnet die SVP-Parlamentarier am zahlreichsten in Davos vertreten waren. Während die SP, die so gern ihre Internationalität betont, das WEF meidet, weil sie es noch immer für «neoliberal» hält. Bei den Sozialdemokraten hat man noch nicht mitbekommen, dass Klaus Schwab inzwischen zu einem pointierten Kapitalismuskritiker geworden ist und dass es im Kongresszentrum von Spitzenvertretern von Non-Profit-Organisationen und Wissenschaftern nur so wimmelt.

Die Schweiz stand diese Woche im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. In Davos, aber auch in Montreux anlässlich der Syrien-Konferenz. Und sie wird das ganze Jahr über die Chance haben, als Vorsteherin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eigene Akzente zu setzen. Den ersten hat Bundespräsident Didier Burkhalter vorgestern bereits gesetzt, indem er in der Ukraine vermitteln will.

All das steht in der Tradition der Schweiz als Vermittlerin, wie sie im Kalten Krieg entstand. Diese Rolle ist nicht selbstlos, auch das zeigt die Geschichte: Sie hilft, im richtigen Moment die eigenen Interessen besser durchzusetzen.

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