Die Frontseite der Boulevardzeitung zeigt ein lachendes Mädchen im Grossformat: «Emma», wie wir in sechs Zentimetern grossen Buchstaben erfahren. Die 11-Jährige sei mit ihren Freundinnen vorne im Car gesessen. «Alle vier sind tot!», schreibt das Blatt, mit Ausrufezeichen. Hat man die Angehörigen dieser Mädchen um Erlaubnis gefragt? Und daran gedacht, dass all die Details auch jenen Menschen wehtun, die selber schon Familienmitglieder durch einen Unfall verloren haben?

«Unfassbare Ereignisse», wie wir schlimme Unglücksfälle nennen, stellen die Medien vor heikle Entscheidungen. Welche Fotos darf man zeigen? Ist es legitim, über Unfallursachen zu spekulieren? Wo hört Informationsvermittlung auf, wo fängt Sensationsgier an? In der Hektik bleibt nur wenig Zeit, dies zu diskutieren.

Im Fall einiger Medien dürfte allerdings nicht die fehlende Zeit der Grund für Grenzüberschreitungen sein. Sondern das Geschäftsprinzip: Auflage und Klicks gehen vor, Ethik- und Pietätsüberlegungen sind bloss lästig. Wozu dieses Prinzip in letzter Konsequenz führen kann, haben wir beim Abhörskandal in England gesehen. Er endete – und das war neu – mit der Einstellung derjenigen Zeitung, die am übelsten vorgegangen war.

Der Konkurrenzkampf in der Medienbranche, beschleunigt durch die Digitalisierung, hat das journalistische Wettbewerbsdenken gefördert. Wenn Reporter versuchen, ins Spital mit den verletzten Kindern einzudringen, um exklusive Bilder zu erhalten, wird klar, wie widerlich übersteigerter Quoten- und Auflagendruck sein kann.

Muss auch bei Tragödien nur eines stimmen: Das Geschäft?

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