Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat sie beantwortet. So, wie sie ein Kapitalist beantwortet. «Jeder sucht – und das finde ich das Gute am freien Markt – seine beste Möglichkeit und geht über die Grenze, um zu attraktiveren Preisen einzukaufen», sagte er am Fernsehen. Er habe «selbstverständlich» Verständnis für Konsumenten, die auswärts einkaufen. Auch wenn er wolle, dass vor allem in der Schweiz konsumiert werde.

Der Bundesrat, sonst nicht gerade der Provokateur in Person, hat mit seiner Aussage eine ganze Branche gegen sich aufgebracht. Hinter vorgehaltener Hand ist sogar von «Landesverrat» die Rede. Es wird darauf hingewiesen, dass wohl kein anderer Wirtschaftsminister der Welt den Bewohnern seines Landes die Absolution fürs Fremdgehen erteilen würde.

Natürlich geht es bei der Retourkutsche der Detailhändler – von Migros über Manor bis zu Vögele – um Eigeninteressen. Doch die Kritik am Wirtschaftsminister einfach damit abzutun, wäre zu einfach. Der Schweizer Detailhandel ist weitgehend genossenschaftlich organisiert. Reine kapitalistische Gewinnmaximierung wird in dieser Branche weder gepredigt noch gelebt.

Verglichen mit Deutschland herrschen bei uns für Arbeitnehmer hervorragende Bedingungen. Die Mindestlöhne (etwa 3700 Franken) sind doppelt so hoch. 70 Prozent des Lebensmittelumsatzes werden mit Waren aus dem Inland gemacht, was Arbeitsplätze schafft. Zudem sind die ökologischen Standards besser als anderswo.

Der Einkaufstourismus infolge des schwachen Euro unterspült dieses Geschäftsmodell. Sind sich die Einkaufstouristen dessen bewusst? Es ist darum richtig, die Moralfrage zu stellen. Wir Konsumenten stellen sie selber gern, wenn es um das Verhalten der Grossbanken geht. Oder um die Managerlöhne. Nur bei uns selbst hören wir sie nicht so gern.

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt hat kürzlich kluge Gedanken zu Markt und Moral formuliert. «Die Erfüllung moralischer Pflicht hat Vorrang vor der Mehrung des eigenen Wohlstandes», sagte er. Und weiter: «Nicht der Markt kann die Moral und die Werte erschaffen, denen die Wirtschaftenden unterworfen sein sollen. Vielmehr bedarf sie der Erziehung, des Beispiels, der Regeln und der Institutionen. Sie bedarf der Kultur.»

Was für altmodische Aussagen! Aber sind sie deswegen falsch?

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