Die Herausforderungen für den frisch gewählten Präsidenten Nelson Mandela waren gigantisch. Doch das Land erstarrte nicht, es ging eine Aufbruchsstimmung durchs Land, die man sich als Europäer nur sehr schwer vorstellen kann. In dieser Rainbow-Nation schien alles möglich. Das gigantische Reconstruction and Development Program kurbelte den Bau von 1,1 Millionen Wohnungen an. Als Schweizer konnte ich mir keine Vorstellung davon machen. In der fernen Heimat bestimmten Themen wie Rentenumwandlungssätze und bilaterale Verträge die politische Arena – ich fand dies unerträglich langweilig im Vergleich zu den Projekten, die in Südafrika aufgegleist wurden und mit Händen zu greifen waren.

Der Alltag im Südafrika der 1990er-Jahre hatte nur wenig mit den Bildern zu tun, die der «Free Nelson Mandela»-Hype in die Köpfe der westlichen Jugend spülte. Durch den jahrzehntelangen Boykott blieb das Land am Kap kulturell und gesellschaftlich in den 60er-Jahren stecken. Vor der Freilassung Mandelas traten nur Bands wie Black Sabbath im südafrikanischen Unterhaltungsresort Sun City auf. Und keine Geringere als Dolly Parton war damals die beliebteste Sängerin der Schwarzen. Die meisten Dinner-Partys folgten Ritualen, wie sie vielleicht noch die Generation meiner Eltern kannte. Die Männer sassen nach dem Essen in bequemen Sesseln herum, rauchten Zigaretten und erzählten Heldengeschichten vom Krieg in Südwestafrika, während die Frauen sich in die Küche verzogen, über Männer redeten und den Abwasch machten. Als Student, der in der Schweiz in WGs lebte, erschien mir das ziemlich bizarr.

Ebenso bizarr war, dass sich an der University of the Witwatersrand kaum gemischte Paare bildeten. Einer meiner besten Freunde verliebte sich in eine schwarze Studentin. Die beiden waren die Sensation auf dem Campus. Weisse und Schwarze drehten sich nach ihnen um. Und das in der progressiven und grössten Uni des Landes, wo schon Nelson Mandela studierte und nie Rassenschranken herrschten. Am Schluss blieb ich fast ein Jahr in Südafrika. Die Gräben, welche die Apartheid aufgerissen hat, schienen zunächst unüberwindbar. Mandela hat angefangen, sie zuzuschütten. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis der Job erledigt ist.

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