Der Kommentar: Wenn Angela Merkel etwas von ihrem Förderer Helmut Kohl gelernt hat, dann ist es die Strategie des Aussitzens. Immer wieder wird die Bundeskanzlerin wegen ihrer mangelnden Entscheidungsfreudigkeit kritisiert. Zwar hat sie gerade versucht, ihren Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zur Ordnung zu rufen, was der aber glattweg ignoriert hat – vor der Berlin-Wahl.

Auch das kann Merkel getrost aussitzen. Denn nach der Wahl wird Rösler beidrehen müssen – selbst wenn sein Kurs bei den Wählern Zuspruch findet. Wenn die FDP in der Regierung bleiben will, wird sie Ende des Monats dem Rettungsschirm für die Euro-Staaten zustimmen müssen. Dazu wird man einen Kompromiss finden, der es Rösler ermöglicht, das Gesicht zu wahren. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die FDP Erfahrung darin hat, einerseits in der Regierung zu sein und andererseits dagegen zu opponieren. 1994 hatten die Liberalen zusammen mit der oppositionellen SPD gegen die deutsche Beteiligung an Awacs-Überwachungsflügen über der Adria geklagt, obwohl sie mit am Kabinettstisch sassen. Auch damals war über ein Ende der schwarz-gelben Koalition spekuliert worden.

Jetzt ist ein Bruch der Koalition aus einem einfachen Grund höchst unwahrscheinlich. Denn dann käme es zu Neuwahlen. Die aber würden bedeuten, dass von den derzeit 93 FDP-Abgeordneten die meisten, wenn nicht sogar alle, nicht wieder in den Bundestag zurückkehren würden. Zu schlecht sind die Umfragewerte der Partei. Das wissen auch die Parlamentarier: Bislang hat nur eine FDPlerin erklärt, sie wäre bereit, zugunsten der Glaubwürdigkeit der FDP gegen den Rettungsschirm zu stimmen.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!