LONGCHAMPS LEHRSTUNDE

Die Sensation geschah vor einem Jahr: Am 29. November 2009 sagte das Schweizervolk mit 57 Prozent Ja zur Anti-Minarett-Initiative. Claude Longchamp und sein Forschungsinstitut gfs.bern hatten eine Nein-Mehrheit von 53 Prozent vorausgesagt. Wie konnte es zu dieser krassen Fehleinschätzung kommen? Der Herr der Fliegen wurde flugs zum Fliegenfänger gemacht. Es ergoss sich eine Flut medialer Häme über den Politikwissenschafter und Historiker. Kein Wunder, ist der Mann misstrauisch geworden und gab erst nach einer Bedenkzeit sein Einverständnis für ein grosses Interview mit dem «Sonntag».

Beim Treffen am Freitag wusste Longchamp jeden kritischen Satz, der auch in dieser Zeitung über ihn geschrieben wurde. Selbst wenn es ein Zitat von Moritz Leuenberger war, dass Longchamp noch heute in Rage bringt: «Faktisch ist es ja gar ein Doppelmonopol, denn er hat auch das Privileg, am Abstim-
mungstag zu erklären, warum die Umfragen seines Institutes nun doch nicht zutreffen», so Leuenberger.

Jetzt ist Longchampzurück und stellt sich nach einem vorübergehenden Rückzug aus den Medien unseren Fragen. Daraus wurde eine faszinierende Lehrstunde in Politik. Aus Longchamp spricht die pure Leidenschaft an der direkten Demokratie. Er vibriert förmlich, gestikuliert und doziert, aber nie abgehoben, sondern – sozusagen – realpolitisch. Wir sollten ihm zuhören, wenn er jetzt vor seiner 57. Abstimmung feststellt, dass «die extreme Personalisierung ein unerhörtes Mass erreicht hat».

Gehen Anstand und Respekt in der Schweizer Politik verloren? Ein Indikator dafür werden die nächsten Tage sein, wenn die letzten Meinungen zur SVP-Ausschaffungsinitiative und zur
SP-Steuerinitiative gemacht werden. Egal, ob von links oder rechts: Argumente und nicht Beschimpfungen oder (Wegzugs-) Drohungen erreichen die Unentschlossenen. Die Mobilisierung vor Urnenschluss wurde vor einem Jahr auch Longchamp zum Verhängnis.

Sein Problem bis heute: 10 Tage vor einer Abstimmung darf er keine Umfrage mehr machen. Longchamp wird dem TV-Publikum am nächsten Sonntag erklären, warum seine Bestandesaufnahme eingetroffen ist. Oder eben nicht. «Es ist kein Skandal, sich zu irren», zitiert er seinen Lieblingsphilosophen Karl Popper. «Weil man danach gescheiter ist.» Doch der Sonntag wird auch für ihn zum Schicksalstag.

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