Der Kommentar: Krawalle in ganz England sind weit herum vorausgesagt worden. Radikale Budgetkürzungen bei den Sozialdiensten – wie sie von Kanzler Osborne im vergangenen Oktober angekündigt wurden – gehen nicht ohne Spuren am Alltag vorbei. Insbesondere wurden Befürchtungen wach, wonach die drastische Reduktion von Sozialbeiträgen viele Härtefälle erst in die Kriminalität treiben könnte – bei der gleichzeitigen Personalreduktion in der Polizei ein in der Tat gefährliches Szenario.

Mit dem ersten Auto, das in Flammen hochging, war jedoch jedes soziale, politische Motiv vergessen. In all den nachfolgenden Plündereien und Destruktionsorgien war nirgends auch nur ein Protestslogan zu hören. Niemand trug ein Banner mit sich. Keiner stellte sich den TV-Mikrofonen, um inbrünstig ein Manifest vorzutragen. Keine Spur von den Vertretern anarchistisch angehauchter Untergrundbewegungen, die sonst bei jedem Protestmarsch gern die Schaufenster von Banken einschlagen. In der Tat hätten die Randalierer noch gar nicht gegen die Folgen der Sozialdienstkürzungen protestieren können, denn sie sind weitgehend noch nicht in die Praxis umgesetzt worden.

Schockierend ist, dass selbst die Soziologen, Rapper und Vertreter von Randorganisationen, die von den Medien interviewt wurden, niemanden in Schutz nehmen wollten. Es schien einzig und allein darum zu gehen, die Taschen gratis mit schönen Sachen zu füllen. Es war ein einziger Raubzug von verwilderten Teenagern, kombiniert mit einem munteren Räuber-und-Poli-Spiel, bei dem sie dank SMS und Blackberry den blauen Lichtern der Landjäger jederzeit ein paar Schritte voraus waren. Ein gefährliches Schauspiel, das sich jederzeit wiederholen kann.

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