1. Befürworter und Gegner argumentierten hart, aber fair. Ausländerfeindliche Kampagnen waren diesmal höchstens am Rande zu sehen. Dies im Gegensatz zu früheren Abstimmungen, etwa bei der Schwarzenbach-Initiative in den 70er-Jahren oder bei diversen Einbürgerungsvorlagen.

2. Die Debatte war vielschichtig und ausgewogen. In vollen Sälen und in den Medien, die erstaunlich unideologisch berichteten, wurde nicht nur über Ausländerpolitik gestritten. Sondern auch über unser Verhältnis zu Europa und über die Grenzen des Wachstums. Diese Themen mobilisieren ganz offensichtlich: Heute wird eine weit überdurchschnittliche Stimmbeteiligung erwartet.

3. Ausgerechnet der versierteste Akteur in Abstimmungskämpfen, der Bundesrat, agierte am unglücklichsten. Lange priesen die Regierungsmitglieder bei jedem Auftritt das «Erfolgsmodell Schweiz» in der Endlosschlaufe und anerkannten nicht, dass die Personenfreizügigkeit unerwünschte Nebenwirkungen nach sich zieht. Dann machte der Bundesrat rechtsumkehrt und beschloss, was er schon lange hätte tun können: die Streichung der Sozialhilfe für arbeitslose EU-Bürger. Hier spielte ein Panikorchester. In dieses Bild passt, dass der Wirtschaftsminister in der Endphase des Abstimmungskampfs nur noch mit sich selbst beschäftigt war.

Fazit: Die vergangenen Wochen waren Anschauungsunterricht dafür, wie lebendig und kraftvoll die direkte Demokratie ist. In Grossbritannien und in Deutschland, wo das Volk nicht abstimmen kann, verläuft die Diskussion über Einwanderer (aus den Oststaaten) polemisch. Im Abstimmungskampf kristallisierte sich eine Art Grundkonsens heraus: Eine Einwanderung in der Grössenordnung von 80 000 Personen im Jahr, wie wir sie seit 2007 haben, ist langfristig nicht verkraftbar. Zuletzt sagten das sogar Bundesräte. Sie vertrauen jedoch auf einen automatischen Rückgang.

Was klar ist, bevor wir das Abstimmungsresultat kennen: Die Einwanderung, ihre Folgen und unser Verhältnis zu Europa – diese Diskussion wird heute Abend nicht zu Ende sein. Sondern erst richtig beginnen.

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