Antwort von Oswald Grübel: Nein. In wirtschaftlich schwachen und ungewissen Zeiten kommen immer wieder solche Ideen auf, denn sie finden generell eine breite Zustimmung in der Bevölkerung, da diese die komplexen Zusammenhänge meist nicht versteht.

Die Befürworter, beispielsweise Italien und Spanien, hoffen, dadurch weniger sparen zu müssen. Die Gegner sind Staaten wie Holland und Schweden, die keine Probleme haben, da sie diszipliniert wirtschaften. Es ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, diese Steuer einzuführen, denn sie wird die Wirtschaft zusätzlich hemmen.

Die europäischen Banken haben schon jetzt grosse Probleme, die neuen Kapitalanforderungen zu erfüllen und müssen ihre Bilanzen um ungefähr 4500 Milliarden US-Dollar reduzieren. Wird der Finanzmarkt zusätzlich noch mit Steuern belegt, verringert das die Liquidität weiter und jedes Wachstum wird im Keim erstickt. Liquide Finanzmärkte sind sehr wichtig, nicht nur für Banken, sondern für die gesamte Wirtschaft. Nur mit liquiden Märkten kann Wirtschaftswachstum finanziert werden.

Man hat ausgerechnet, dass die neue Steuer 57 Milliarden Euro jährlich bringen soll. Über die Verteilung streitet man sich noch, wie in der EU üblich. Diese 57 Milliarden sind Peanuts im Vergleich zum verlorenen, nicht bezifferbaren Wachstum. Ich halte eine Einführung im jetzigen Umfeld für einen grossen Fehler, den die Zentralbanken höchstwahrscheinlich durch Drucken zusätzlichen Geldes abzuschwächen versuchen würden. Wir leben in einer interessanten Zeit, und die Politik wird ihr Bestes geben, sie interessant zu halten.

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