Der Kommentar: Franz Weber, der Urheber der Zweitwohnungs-Initiative, besitzt selber Zweitwohnungen, die oft leer stehen. Er reagierte pikiert, als die «Schweiz am Sonntag» den Widerspruch publik machte. Mehrere Exponenten der Ecopop-Initiative, die gegen die Verbetonierung anreden und für verdichtetes Bauen plädieren, verfügen selber über grosszügige Häuser mit viel Umschwung. Sie reagierten pikiert, als die Medien darauf hinwiesen. Und jetzt also Margret Kiener Nellen und ihr Mann: Das Millionärs-Ehepaar versteuerte 2011 null Franken Einkommen. Die Berner SP-Politikerin reagierte pikiert, als die «Weltwoche» darüber berichtete.

Weder Kiener Nellen noch die anderen links-grünen Politiker haben etwas Verbotenes getan. Sie haben bloss die Freiheit genutzt, die ihnen unsere Rechtsordnung gibt. Im Fall der SP-Nationalrätin ist es der steuerlich abzugsfähige Einkauf in die Pensionskasse von 400 000 Franken, der das Einkommen auf null drückte. Kiener Nellen lamentiert darum jetzt: «Gesetze sind für alle da, aber für Linke gelten offenbar andere Massstäbe.»

Wie bitte? Wer hat denn diese «Massstäbe» definiert? Sie selbst. Kiener Nellen war es, die im Parlament unentwegt – und zum Teil durchaus berechtigt – Steuerschlupflöcher anprangerte. Sie war es, die Bundesrat Johann Schneider-Ammann «Steueroptimierung» vorwarf und deswegen gar seinen Rücktritt forderte. Linke und Grüne leben in der wohligen Gewissheit, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Da ist es nicht mehr als recht, dass sie auch ihr eigenes Verhalten an ihren Ansprüchen messen lassen. Alles andere ist Doppelmoral.

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