Von Peter Niklaus Trösch*

Vielleicht passiert es: Ich rechne mit einer Gewissheit von etwa 50 Prozent. Es kann uns ein Flüchtlingsstrom erreichen. Ein Strom von Menschen, die mir leidtun. Er könnte durchaus von demselben Ausmass sein wie letztes Jahr im zehnmal grösseren Deutschland. Dies, falls die Ostroute wirklich blockiert würde. Andere Voraussetzungen gälten, wenn die EU ihre Aussengrenzen abriegelte und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge schon dort begänne – aber trauen wir ihr das zu? Wie reagieren die Flüchtlinge? Wie die Ost-EU-Staaten?

Der Bund rechnet mit schlimmstenfalls 30 000 Menschen innert weniger Tage. Und nachher? Ein Menschenstrom ist kein elektrischer Strom, den man einfach abschaltet, wenn man ihn nicht mehr will. Falls so ein Strom die Schweiz erreicht, so würden laut Bundesrätin Sommaruga alle Menschen nach demselben Plan behandelt. Man würde sie nach Hierbleibendürfern und Abzuschiebenden oder Weiterziehendürfern sortieren. Aber das muss in Zentren geschehen. Die existieren erst in Ansätzen. Das überall gelobte Testzentrum Zürich ist viel zu klein und liegt mitten in der Schweiz. Die eben angekommenen Menschen werden sich teilweise gegen eine Registrierung wehren. Sie werden auch auszubrechen und sich in Teilströmen nach Deutschland durchzuschlagen versuchen. Damit diese Ströme sich nicht unkontrolliert durch die ganze Schweiz durchdrücken, muss man die Menschen an der Grenze also für den Moment wirksam festhalten. Es braucht – Achtung Tabu! – Zäune. Oder man lässt geschehen, was geschieht.

Viele wollen sich opfern: Immer öfter höre ich von der jungen Elite, dass sie Grenzen hasst: «Das Konzept der Nationalstaaten ist halt passé, es hat immer zu Kriegen geführt.» Viele freuen sich auf komplett offene Grenzen und allumfassende Internationalität. Sie denken dabei vielleicht an eine erspriessliche, intellektuell befeuerte Lebensart unter Freunden, die sie sich bei Studienaufenthalten im Ausland zusammengesucht haben. Kaum haben sie völlig fremdartige Einwanderer im Auge, die ganz andere Konzepte für sämtliche Bereiche des Lebens haben als sie. Sie sind naiv.

Andere wieder halten das, was da kommen kann, für eine verdiente Strafe: «Nun haben wir die Retourkutsche für den Kolonialismus, an dem wir uns Jahrhunderte bereichert haben!» Für dieses Argument bedanke ich mich! Ich habe mein ganzes Leben, wo ich konnte, gegen die Konsumwut, gegen das schmierige Bankgeheimnis, gegen das miese Lebensmuster der Finanzprofiteure gekämpft. Ich bin höchstens indirekt, als ungewollter Profiteur, mitschuldig, und das gilt für einen Grossteil der Schweizer. Zudem: Bestrafung durch substanzielle Einwanderung könnte im vorliegenden Fall heissen, dass islamische oder islamistische Konzepte sich hierzulande allmählich gegen die unsrigen durchsetzen könnten. Ist es das, was die Opferbereiten meinen?

Bilaterale, Steuersenkungen für Unternehmen und so weiter: Angesichts eines drängenden, vielleicht auf unserem Territorium stockenden Flüchtlings-Trecks wäre der heilige Ernst, mit dem die Politikschweiz aktuell noch streitet, innert Minuten absurd. Es gäbe nur noch ein Thema: die Flüchtlinge! Woher nehmen wir 100 000 Deutschlehrer? Und ebenso viele Integrationshelfer? Wie bringen wir Hunderttausende unter? Was geschieht, wenn der Druck nicht nachlässt? Was tun wir, wenn nach Jahren eine Unzahl von Menschen in provisorischen Behausungen verelenden? Was tun die Betroffenen? Was tut die extreme Rechte, und zwar die, die rechts von der SVP liegt und scheinbar nicht existiert? Nein – unkontrollierte Einwanderung hilft keinem Gutmeinenden.

Bin ich der einzige unglückliche Linke? Ich bin ein 69-jähriger Mann, der nie im Leben SVP, sondern jahrzehntelang SP und Grüne gewählt hat. Wegen ihrer Nähe zur SVP kommt nicht einmal die FDP infrage. Aber ja: Ich habe für die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt. Es war die erste und einzige SVP-Vorlage, die ich unterstützt habe. Ich habe als Tagi-Redaktor schon vor 20 Jahren vor kommenden Problemen mit der Einwanderung und fremden Mentalitäten gewarnt und bin von linken Kollegen belächelt und einfachheitshalber in den SVP-Sektor verschoben worden. Ich fühle mich aber erstaunlicherweise weiter als Linker, vor allem, was gesellschaftspolitische Fragen betrifft. Ich spreche (mehr oder weniger) sechs Sprachen und reise oft. Ich habe ebenso viele Ausländer oder Secondos als Freunde wie «rein» schweizerische. Aber zunehmend fühle ich mich in der immer mehr mit fremdartigen Ausländern durchsetzten Schweiz selber als ein Fremder. In Restaurants sage ich denselben Bestellungssatz bis zu dreimal oder in drei Sprachen, bis der Kellner versteht. Im Coop nach «Holderegumfi» fragen kann mal spassig sein, ist aber in der Regel ein Frust. In den Züri-Bussen und Trams höre ich 1. Spanisch, 2. Hochdeutsch, dann südosteuropäische Idiome und nur gelegentlich Schweizerdeutsch, oft abenteuerlich zerknautschtes.

Junge Leute sagen oft, die Schweiz habe immer einen so hohen Ausländeranteil gehabt wie heute. Das ist eine reine Legende! Es stimmt nur in Bezug auf die Stadt Zürich kurz vor dem Ersten Weltkrieg (Dada!). Die Schweiz heute – das ist ein Sozialexperiment von weltweit einzigartigem Ausmass. Das Ziel scheint zu sein, herauszufinden, was geschieht, wenn man möglichst viele Kulturen auf engstem Raum zusammenquetscht. Mit den meisten Bewohnern unseres Landes kann ich nicht über dieses Land sprechen, es interessiert sie nicht. Ich habe drei Jahre Freiwilligenarbeit in einem Zürcher Sozialamt hinter mir und weiss ein bisschen, wie Eritreer und Somalier ticken. Ich habe einen Augenschein in einer Schule genommen, wo lernbegierige Flüchtlinge Deutsch lernen wollen und wo zwei Lehrer vor 50 Schülern stehen. Zehn Jahre weiter so, könnte man resignierend kommentieren, und es klingt wie Deutsch. Die Sprache ist aber erst der Schlüssel. Wie werden sich die Mentalitäten aneinander anpassen? Wollen sich die Einwanderer überhaupt anpassen? Wollen wir uns noch mehr anpassen? Wir freuen uns über andere Lebensarten, wir verstehen gut, wenn Italiener italienisch leben wollen, und so auch Eritreer auf eritreische Art. Aber wie fördern wir unsere eigene Mentalität, unsere Lebensart, jetzt, da sie in Gefahr ist?

Meine Parteien, die SP und die Grünen, haben auf diese Fragen keine Antworten mehr. Mindestens 20 Jahre hiess es von links, es gebe keine Ausländerprobleme, dann sprach man von Integration und später warf man sich ganz in den Kampf gegen die Rechten, die dieses Vakuum für ihre gefährlichen Ziele ausnützen. Also freute ich mich, als die Grünliberalen auf den Plan traten. Endlich eine Partei, die auf alle hängigen Fragen eine ideologiefreie, vernünftige Lösung zu suchen versprach! Und auch ein wenig sozial, bitte. Die GLP tat vieles. Aber die Einwanderungsfrage tastete sie nicht an.

Wie weiter? Die Städte wurden verdichtet, die Agglo-Bauzonen überbaut, die Erholungsgebiete auch. Lieblich ist unser Land nur noch an wenigen Stellen, mehrheitlich in den Alpen. Den Rest hat man dem Monster Wirtschaftswachstum in den Rachen geworfen. Ein Grund war, dass die meisten Einwohner heute hedonistisch denken. Der Konsum ist Lebensinhalt. Der Digitec-Katalog zeichnet vor, worauf wir uns freuen sollen: auf immer mehr, immer neue Technologie. Was letztlich passiert, wenn wir so weitermachen, wird nirgends gemeinschaftlich diskutiert. Es gibt praktisch keine öffentlichen Diskussionen mehr, die von allen wahrgenommen werden. Zeitungen oder die «Arena» werden allenfalls als Newslieferanten und Stichwortgeber genutzt. Jede Bevölkerungsgruppe hat ihre eigenen Themen und Kreise. Eine Öffentlichkeit, die im weitesten Sinn die gleiche Sprache spricht (bei divergierenden Meinungen), gibt es kaum mehr. Und jeder, der bei Diskussionen eine andere Meinung äussert, wird sofort in die feindliche Ecke geschoben.

Dabei kommen Lösungen doch aus der Mitte: Heute wähle ich keine Partei mehr, nur noch Personen bei Exekutivwahlen. Und ich suche weiter nach Leuten, die ähnlich denken wie ich. Nach Menschen, die Probleme praktisch lösen wollen. Da gibt es viel Neues zu schaffen und zu fördern. Es braucht Leute, die sich trauen, mit «den anderen» zu sprechen, die Toleranz vorleben und jede Polarisierung verhindern. Es braucht Foren, die mit anderen Foren reden und Diskurse in der Mitte fördern. Eine Herkules-Aufgabe! Es braucht Visionäre, die keine versteckten Ziele haben, die nicht nur Wohlstand und ein leichtes Leben, nicht nur Forschungserfolge oder ständig steigende Gewinne wollen (oder alles ...). Tatkräftige Menschen, die nicht bereit sind, ihr Gemeinschaftsgefühl und die Schönheit unseres Landes noch ganz zu opfern. Ohne Angst vor Rechten und Kommunisten. Ja, es geht um Heimat, um eine moderne Heimat, in der Wurstdüfte, Zigarrenrauch und Ländlerklang nur noch zart im Hintergrund schweben. Ein faires, frohes, offenes Land, eine lebendige Diskussionsplattform, eine hilfsbereite Schweiz, die sich ihrer selbst nicht schämen muss.

Und wie weiter mit der Flüchtlingspolitik? Das Beste wäre wohl eine schlaue, an Bedingungen gebundene, investitionsorientierte Entwicklungshilfe. So viel wie möglich und sinnvoll, auch wenn wir dadurch etwas ärmer werden. Direkte Nahrungshilfe, wenn nötig. Unterstützung des Kampfes gegen regionale Potentaten in Afrika und anderswo. Abschotten der Finanzschweiz gegenüber Ausbeuterprofiten, gegen Geld aus Rüstungsexport oder Steuerbetrug. Und: anständige Behandlung der bereits hier befindlichen Ausländer aller Art. Öffnung der Grenzen für eine sinnvolle Zahl von Flüchtlingen, aber nur wenn jeder europäische Staat einen gerechten Anteil übernimmt. Ein unreguliertes Einströmen von Menschen ohne Triage von echten und falschen Flüchtlingen wäre fatal.


*Peter Niklaus Trösch (69) war 34 Jahre lang Redaktor beim Zürcher «Tages-Anzeiger».

Mehr Themen finden Sie in unserer gedruckten Ausgabe oder über E-Paper