Lieber Herr Hummler

Als Journalist habe ich Sie immer geschätzt. Sie sprachen stets Klartext, jedes Interview mit Ihnen gab eine spannende Schlagzeile her. Sie hatten als Wegelin-Teilhaber den Mut, die Mächtigen zu kritisieren und dabei Ross und Reiter zu nennen. Diesen Mut haben nur ganz wenige Wirtschaftsführer in unserem Land. Sie bezeichneten die USA einst als eine der «unbestreitbar aggressivsten Nationen», und Sie warfen ihnen vor, «in geradezu atemberaubender Doppelmoral Offshore-Oasen riesigen Ausmasses» zu unterhalten. Treffender kann man es nicht sagen.

In der «NZZ» haben Sie bei Ihrem Amtsantritt als Verwaltungsratspräsident einen brillanten Text veröffentlicht. Unter dem Titel «Freiheitliche Werte zur publizistischen Orientierung» formulierten Sie «zehn Regeln im journalistischen Alltag». Ich hätte jede unterschreiben können, auch die Forderung, der Journalismus müsse die «Machtaffinität des Mainstreams» abstreifen.

Dass ausgerechnet Sie, der leidenschaftliche Provokateur, nun einen Politiker vor den Richter ziehen, weil er Ross und Reiter beim Namen – Ihrem Namen – genannt hat, hielt ich zuerst für einen Witz. Aber es stimmt: Sie klagen gegen CVP-Präsident Christophe Darbellay, der in der «Nordwestschweiz» sagte, Sie und Ihr Geschäftspartner würden «den ganzen Schweizer Finanzplatz in den Dreck ziehen». Er bezeichnete Sie deswegen als «Verräter». Hintergrund von Darbellays Aussage ist das Schuldeingeständnis Ihrer Bank in den USA, in dem es heisst, das fehlbare Verhalten sei «in der Schweizer Bankenbranche üblich» gewesen.

Ihre Klage kam für den CVP-Präsidenten, dessen Partei nicht gerade in Bestform ist, wie ein Geschenk des Himmels. Von einem Banker kritisiert, geschweige denn eingeklagt zu werden, ist heutzutage für jeden Politiker ein Ritterschlag. Genüsslich hat Darbellay auf die parlamentarische Immunität verzichtet. Er will den Richtertermin mit Ihnen zum Schauprozess machen. Waren Sie da von Ihrem Anwalt, einem langjährigen «Blick»-Advokaten, wirklich gut beraten?

Eine Frage noch zum Schluss: Klagen Sie nun eigentlich auch alle Politiker ein, die sich hinter Christophe Darbellay stellen?

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