Bislang hat die Schweizer Wirtschaft die Aufwertung auf fast wundersame Weise gemeistert. Bei jeder Schwelle – 1.50, 1.40, 1.30 – schlugen Exporteure Alarm. Johann Schneider-Ammann, damals noch Unternehmer, sah die Schmerzgrenze im letzten Juni erreicht, als der Kurs bei 1.40 lag. Aber dann zeigte sich stets: Es geht irgendwie weiter. Helvetische Produkte verkaufen sich dennoch. Und nicht mal schlecht.

Dieses Phänomen wird in der langfristigen Sicht besonders deutlich. Ein Dollar kostete vor vierzig Jahren fast 4.50 Franken. Heute noch gut 90 Rappen. Das heisst: Schweizer Güter wären heute in den USA eigentlich fünfmal teurer als damals. Sind sie aber nicht – weil unsere Unternehmen gewaltige Produktivitätsfortschritte gemacht haben und sogar mit Konkurrenzprodukten aus Billigländern mithalten können. Eine fantastische Leistung.

Der Franken spiegelt die Stärke unserer Volkswirtschaft und unseres gesunden Staatshaushalts. Doch inzwischen ist der Frankenkurs nicht mehr bloss ökonomisch getrieben, sondern auch durch Spekulanten und Hedge Funds. Wenn «Financial Times» und «Wall Street Journal», wie diese Woche geschehen, internationale Anleger quasi dazu aufrufen, in den sicheren Schweizer Franken zu fliehen, wirds ungemütlich. Die Nationalbank, die auf 32 Milliarden Devisenverlusten sitzt, kann nur noch von der Seitenlinie her zuschauen – sie kann auf den Märkten nicht mehr wirkungsvoll intervenieren. Diese Ausgangslage ist neu.

Neue Ausgangslagen rufen nach neuen Ideen. Unternehmen haben gehandelt – die ersten Firmen beginnen beispielsweise, ihre Lieferanten dazu zu bringen, Rechnungen in Euro zu stellen. Das macht den Euro zu einer Mini-Parallelwährung im Inland.

Die Politik hingegen scheint träge und ideenlos. Es ist bezeichnend, dass es ein Expolitiker ist, der nun einen Vorschlag lanciert, welcher noch zu reden geben wird: Peter Bodenmann, ehemaliger SP-Präsident, fordert die Anbindung des Frankens an den Euro. Österreich und Holland hatten vor der EuroEinführung ihre Währungen erfolgreich an die D-Mark angebunden. Zu einem festen Wechselkurs rät der Schweiz auch der ehemalige deutsche Bundesbanker Thilo Sarrazin.

Vielleicht ist das der falsche Weg. Aber es wäre angezeigt, Machbarkeit, Vor- und Nachteile seriös abzuklären – obschon amtierende Politiker in einem Wahljahr eine Debatte über den populären Franken scheuen, weil sie meinen, damit nur verlieren zu können. Auch die Politik muss, wie die Wirtschaft, in Szenarien denken. Was ist, wenn der Euro auf 1 Franken fällt? Oder darunter? Wenn die Touristen ausbleiben? Die Exportfirmen Tausende Stellen ins Ausland verlagern? Die Politik sollte sich darauf vorbereiten – in der Hoffnung, dass die Vorbereitungen sich als unnötig erweisen werden.

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