Die Nachricht: Das «Bolgen Plaza» in Davos , eine der bekanntesten Après-Ski-Bars der Schweiz, muss in Zukunft schon um 19 Uhr schliessen. Das hat das Bundesgericht entschieden. Für den Betrieb des in einer Landwirtschaftszone liegenden Partylokals bis in die Nacht hinein fehle die rechtliche Legitimation, befand das Gericht. Der Entscheid geht auf eine Klage eines lärmempfindlichen Zweitwohnungsbesitzers zurück.

Der Kommentar: Ich bin ein passionierter Skifahrer – und ich mag professionell geführte Hotels von der Ein- bis zur Fünf-Sterne-Kategorie. Wichtig ist eigentlich nur, dass Ankündigung und Wirklichkeit der gewählten Hotels übereinstimmen.

Noch wichtiger sind Menschen, welche in diesen Hotels arbeiten: Ich schätze fröhliche, unkomplizierte, kompetente Persönlichkeiten, die mir vom Keller über die Küche bis an die Bar-Theke das Gefühl geben, für einige Tage ein willkommener zahlender Gast zu sein. Für dieses Gefühl gebe ich gerne Geld aus.

Ein Kriterium habe ich noch vergessen: Ich schätze Skidestinationen, in denen zahlreiche, möglichst unterschiedliche Hotels stehen – mit eigenen Traditionen, mit exquisiten Restaurants und währschaften Wirtschaften, mit verschwiegenen Bars und spektakulären Lounges.

Folglich meide ich eintönige Orte, die durch Eigentumswohnungen dominiert werden. Ich verzichte auf Ferienorte, in denen die Bauwirtschaft die Gastwirtschaft besiegt hat. In mehreren Schweizer Skiorten ist diese Schlacht bereits geschlagen worden – zugunsten der Bauwirtschaft, zulasten der Hotellerie. Und die Gäste wandern jetzt ab nach Österreich, wo der Bau von Zweitwohnungen seit Jahrzehnten beschränkt ist.

Klötze von Eigentumswohnungen zerstören Feriengefühl und vertreiben anspruchsvolle Hotelgäste – ob sie nun in der Fünf-Sterne-Residenz wohnen oder in der einfachen Pension absteigen möchten. Ferienwohnungen, die dem Baugewerbe zu kurzfristigen Gewinnen verholfen haben, unterminierten die Konkurrenzfähigkeit unserer Feriendestinationen. «Jumbo-Chalets» im furchterregenden Alpen-Stil oder lieb- und fantasielose Flachdachbauten mit leeren Terrassen erwecken mit ihren heruntergelassenen Rollläden den Eindruck einer verlassenen Stadt. Und in toten Städten macht niemand gerne Ferien.

Auf den Balkonen der Ferienwohnungen lassen sich gelegentlich mürrische Rentner in Adiletten blicken; missmutig beobachten sie feiernde Snowboarder und denken darüber nach, wie diese am besten vertrieben werden können. So wie es jetzt in Davos geschehen ist, wo das «Bolgen Plaza», eine der fröhlichsten Après-Ski-Bars der Schweiz, in Zukunft jeweils um 19.00 Uhr schliessen muss.

Dieser Sieg vor dem Bundesgericht kann man dem schlaflosen Wohnungs-Besitzer nicht verargen: Schliesslich hat er sich mit seiner Eigentumswohnung nicht nur Ruhe in den Bergen eingekauft, sondern auch Ruhe vor dem Tourismus, vor der Gastronomie und der Lebensfreude; und von Verpflichtung zu volkswirtschaftlichem Mehrwert war auch nie die Rede. Entsprechend karren die Wohnungsbesitzer ihre Lebensmittel an den Wochenenden jeweils vom Unterland in die Berge; so können sie sich am besten in die eigenen vier Wände einbunkern. Keine Frage: Volkswirtschaftlicher Mehrwert durch einen grosszügigen Hotelgast sieht da anders aus. Das aber muss den Besitzer der Zweitwohnung nicht interessieren.

Und gleichzeitig wundern sich die potenziellen Gastgeber, die Gemeindepräsidenten und Gewerbetreibenden, die Skilehrer und Verkehrsdirektoren, dass immer weniger Menschen ihre Destinationen als Ferienorte wählen. Der vor Bundesgericht erfolgreiche Eigentumswohnungsbesitzer kümmert sich einen Deut um die Konkurrenzfähigkeit von Davos. Er will seine Ruhe haben. Basta.

Der Fall «Bolgen Plaza» ist ein Symptom für eine spektakuläre Fehlentwicklung in der Schweizer Ferienindustrie. Noch nie ist besser als mit diesem juristisch korrekten Entscheid dargelegt worden, wie sehr Zweitwohnungen den Schweizer Tourismus zerstört haben – und dies ausgerechnet in einem Ort, der eigentlich noch immer Gäste in legendäre Hotels anzulocken vermöchte: Aber selbst die tüchtigen Davoser Hoteliers vom über den Wolken schwebenden «Waldhotel», vom legendären «Pöstli», vom einladenden «Seehof» oder von der spektakulären «Schatzalp» (um nur die profiliertesten zu nennen) haben die Schlachten gegen die Bauindustrie in den letzten Jahren verloren.

Die Besitzer der Eigentumswohnungen dürfen sich auf die Friedhofsruhe in Davos freuen.

*Peter Hartmeier ist Publizist und Berater; er ist Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.