Antwort von Oswald Grübel: Der sogenannte Libor-Skandal beschäftigt zurzeit fast alle Medien und Aufsichtsbehörden. Ein weiterer Schritt hin zur völligen Transparenz, was einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat. Viele Fragen sind noch offen und Untersuchungen noch im Gange. Wir sollten deshalb keine vorschnellen Urteile fällen.

Aber worum geht es hier eigentlich? Die «London interbank offered rate», kurz Libor genannt, ist ein Zinssatz, der täglich von einer Anzahl Banken (8 bis 16, je nach Währung) bestimmt wird und der den Durchschnittszinssatz, zu welchem die Banken Geld borgen können, repräsentieren soll. Da man sich bewusst war, dass diese Erhebung nicht wissenschaftlich ist, sondern durch die Kurseingaben der Banken manipuliert werden kann, hat man festgelegt, dass die höchsten und die tiefsten 25 Prozent der Kurse für die Berechnung nicht berücksichtigt werden.

Man hat aber nicht bedacht, was passiert, wenn der Interbanken-Geldmarkt einmal nicht mehr funktioniert, wie das 2008 geschah. Überdies sind E-Mails von Händlern aufgetaucht, die als Manipulation ausgelegt werden.

Man muss sich fragen, ob die Händler wirklich so unbedacht waren und Manipulationen mittels E-Mail betrieben oder ob dies Teil der Preisfindung war. Ich nehme an, wir werden dazu noch viel hören.

Die Aufsichtsbehörden waren sich der Unzulänglichkeiten des Systems von Anfang an bewusst. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass wir heute totale Transparenz verlangen und dann entsetzt sind, wenn wir feststellen, dass diese Transparenz das Vertrauen ersetzt.

Jede Woche beantwortet Oswald Grübel eine Leserfrage. Schicken Sie Ihre Frage an den ehemaligen UBS- und CS-Chef: gruebel@sonntagonline.ch

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!