Der Kommentar: Wer in der obersten Liga der Politik und Wirtschaft steht und an Talkshows und Interviews am Radio und am Fernsehen teilnimmt, darf sich keine Illusionen machen: Die Talkmaster sind Superprofis, die sich scheinbar wohlwollend und harmlos geben, meistens aber nur ein einziges Ziel verfolgen: sich selber möglichst umfassend darzustellen und ihre Gäste fertigzumachen. Sie haben bereits im Voraus ihre Meinung über die Person gemacht und gewaltig viel Munition gesammelt, um ihn oder sie totzuschiessen.

Hier einige Regeln, die man besser beherrscht, bevor man sich in die Fänge eines Lehrmeisters im Streitgespräch begibt:

Sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wenn die Sendung mit der Frage: «Wer sind Sie?» anfängt, ist damit gemeint: «So sind Sie!», und nachdem man ein paar wenige Dinge über sich selbst sagen durfte, gehts los mit Anschuldigungen: «Das haben Sie falsch gemacht und das haben Sie gesagt, usw.». Und es wird jeweils ein ganzes Sündenregister heruntergebetet, worauf man nur kurz oder gar keine Stellung nehmen und keinen einzigen Satz zu Ende sagen darf.

Die positive Einstellung zum Interviewer machts. Am besten betrachtet man ihn als Spassvogel, der einem hilft, über sich selber lachen zu können.

Je grösser der Unsinn ist, der über einen gesagt wird, desto herzhafter kann man darüber lachen! Der Schweizer Bankier Konrad Hummler hat

das kürzlich meisterhaft in einer halbstündigen Sendung (gemeint ist «Schawinski», die Red.) durchgehalten und jeweils auf ganz tolle Verdrehungen lachend geantwortet: «Das ist überhaupt nicht so...»

Der Ton bringts. Böse zu werden wäre eine Totalniederlage. Immer ruhiger zu werden, je nervöser der Talkmaster wird, das wirkt souverän. Mit einer Atemübung kann man seine Contenance sehr lange beibehalten und das ist für den Talkmaster fast das Schlimmste, denn er erwartet eher, dass man so bald wie möglich ausflippt, und nun ist dies überhaupt nicht der Fall (es ist etwas vom Härtesten, was es gibt, wenn man dem Partner keine Chance gibt, böse auf sich zu sein).

Kurze Sätze machen! Man wird ohnehin dauernd unterbrochen, Nebensätze haben keine Chance, nur ein paar Worte liegen jeweils drin, bevor man wieder unterbrochen wird. Die ganze Sendung ist ein einziger Kampf ums Wort. Nie sagen: «Lassen Sie mich ausreden», daran hält sich sowieso niemand, und anstelle das zu sagen, kann man bereits eine neue Aussage machen!

Nur eine ganz einfache Sprache sprechen. Fremdwörter und Fachausdrücke weglassen, oder jeweils gleich erklären (meistens bleibt dies jedoch beim Versuch). Das Schlimmste, was man machen kann, ist «gescheit zu reden». Um sich damit zu brüsten, dass man schliesslich ein Studium gemacht hat. Je mehr man sich unter seinem eigenen Intelligenz- und Kultur-Niveau ausdrückt, desto besser kommt man bei den Zuhörern und bei den Zuschauern an (und nicht umgekehrt!).

Die Hauptaussage mehrmals wiederholen! Darin ist Christoph Blocher Weltmeister. An einer «Arena»-Sendung hat er einmal seine wichtigste Aussage 22-mal wiederholt. Das empfand man zwar als penetrant, aber man erinnert sich heute noch. Am besten überlegt man sich vor der Sendung, welches die wichtigste Aussage ist.

Entgleisungen sind nicht lebensgefährlich. Bundesrätin Doris Leuthard hätte wahrscheinlich lieber nicht gesagt, die süddeutschen Flughafen-Lärmbekämpfer würden sie an die Taliban erinnern. Nachdem sie sich schriftlich und mündlich am Fernsehen entschuldigt hat und es ehrlich bedauerte, sich «in der Hitze des Gefechtes zu einer solchen Äusserung hinreissen zu lassen», hat man ihr das verziehen. Wer sich stark engagiert, verliert vielleicht schon auch einmal das Mass, das kann passieren. Wer Angst hat, sich zu entblössen, dem wird in einer Talkshow oder in einem Interview auch niemals etwas Lustiges einfallen, obwohl an solchen Sendungen eigentlich Gaudi verlangt ist. Am besten versucht man, alle Ängste während der Dauer der Sendung auszuschalten, so wie das der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer gemacht hat. Als er einmal von einem Interviewer gefragt wurde, ob er denn keine Angst vor dem Fliegen habe, antwortete er: «Junger Mann, ich kann Sie beruhigen, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!»

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