Der Kommentar: Es war nicht leicht, sich der Leidenschaft zu entziehen, mit der die Schotten in den vergangenen Wochen über die Frage nach der Loslösung von Grossbritannien debattierten. 84 Prozent gingen diese Woche an die Urne – ein Rekordwert. Und auch wenn es inzwischen zum politischen Katechismus der Schweiz gehört, sich immer wieder der Überlegenheit der eigenen Demokratie zu versichern: Es gibt durchaus Lektionen, die sich aus der Volksabstimmung auf der Insel ziehen lassen.

Die erste Lektion betrifft das Stimmrechtsalter. Erstmals in Grossbritannien erhielten bereits 16-Jährige das Recht, abstimmen zu gehen. Vieles deutet darauf hin, dass sie diese Gelegenheit in grosser Zahl wahrgenommen haben. Natürlich war politisches Kalkül dabei, als die schottischen Nationalisten das Stimmrechtsalter senkten: Sie hofften, dass sich junge Wähler besonders stark für die Unabhängigkeit aussprechen würden. Trotzdem muss man feststellen: Wenn Teenagern in Glasgow zugetraut wird, über die wichtigste aller Fragen zu befinden – die Existenz des eigenen Staats –, warum sollten Teenager in Zürich nicht über eine Einheitskrankenkasse oder den Mehrwertsteuersatz für Restaurants abstimmen dürfen?

Die zweite Lektion: Zur Abstimmung zugelassen waren auch die 60 000 in Schottland lebenden EU-Ausländer. Besonders umstritten war das nicht. Es bereicherte vielmehr die Debatte. Der lustvolle Abstimmungskampf der Schotten zeigt, dass es lohnenswert ist, neue Ideen zu denken. Das gilt für die Schweiz selbst auf einem Gebiet, das sie bereits besser beherrscht als alle anderen: der Demokratie.

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