Der Kommentar: Vorab – die Arbeit der privaten Organisationen, überschüssige Lebensmittel zu verteilen, ist sinnvoll und das Engagement der vielen Freiwilligen lobenswert. Denn wer einmal in einer Abgabestelle oder in einem Caritas-Laden einen Augenschein nimmt, geht betroffen nach Hause. Ein Leben an der Armutsgrenze ist auch in der Schweiz längst nicht mehr nur ein Problem einzelner Randgruppen – die Armut ist in der Gesellschaft angekommen. Dennoch hinterlässt die Recherche über die Lebensmittelhilfe offene Fragen.

Wir alle sind Konsumenten, die es gewohnt sind, beim Einkaufen volle Regale mit frischen Produkten anzutreffen. Zu jeder Zeit, auch kurz vor Feierabend. Die Detailhändler befriedigen dieses Kundenbedürfnis – Resultat ist logischerweise ein grosser Überfluss. In Zahlen: In der Schweiz werden pro Jahr 250000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Gut 10 Prozent davon sind noch essbar. Nur ein Bruchteil davon wird von

den Hilfsorganisationen abgeholt und weiterverteilt. Dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden, sorgt bei uns Konsumenten für Unbehagen. Wir sind froh, dass jemand aus unserem Überfluss etwas Sinnvolles macht. Das Potenzial ist riesig. Aber kann das Ziel sein, dass die Organisationen künftig ihre Strukturen weiter ausbauen, um möglichst viele der Lebensmittel an Arme weiterzugeben?

Der deutsche Soziologieprofessor Stefan Selke, der ein Buch über die Arbeit der deutschen Lebensmittel-Tafeln geschrieben hat, kritisiert diese karikative Schattenökonomie. «Tafeln sind Teil des ideologischen Wandels in Richtung Privatisierung von Armutsrisiken sowie der Ökonomisierung des Sozialen», sagt Selke. Sie würden dazu beitragen, dass einklagbare soziale Rechte zunehmend durch unverbindliche Almosen ersetzt werden, so der Soziologe. Er kritisiert weiter, dass sich die Politik damit ihrer Aufgabe entzieht, eine Teilhabe für alle zu garantieren.

Diese Kritik ist berechtigt. Sie soll nicht die Arbeit der Organisationen schmälern. Aber das Ziel muss sein, die Tafeln abzuschaffen – und endlich dafür zu sorgen, dass es sie in der reichen Schweiz nicht braucht. Denn sie sind ein Armutszeugnis.

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