Der Kommentar: Latein ist für Studium und Forschung nützlich. Ein Beispiel: Bis in die Neuzeit bewegten sich die Dichter in der lateinischen Literatur wie Fische im Wasser. Wer ihre Zitate nicht versteht, ist auf Übersetzungen angewiesen. So entsteht keine eigenständige Auslegung. Latein ist überdies eine Denkschule. Als eine Sprache, die differenzierter flektiert (dekliniert und konjugiert) als die modernen, ist ihre Beherrschung eine Schule der Analyse und des systematischen Lesens.

Über solchen Nutzen des Lateins im Detail kann man sich streiten. Unbestreitbar bleibt, dass Latein als Sprache einer kulturellen Blütezeit und als Wissenschaftssprache von zwei Jahrtausenden ein wesentlicher Teil des westlichen Bildungsguts ist. Und Bildung lässt sich nicht auf Nützlichkeit reduzieren. Sie ist ein umfassender Verständnishorizont. Doch die Zeiten dieses Bildungsbegriffs sind vorbei. Das zeigt auch der Lehrplan 21, der nichts von Bildung, dafür alles über Kompetenzen wissen will.

Statt um die Bildung sorgen sich die Universitäten um die Studentenzahlen. Ihre Studiengänge sollten «barrierefrei» sein. Will heissen, für die Studierenden wäre das Lateinobligatorium eine Behinderung, die sie vom Studium an der Uni Zürich abhalten würde. Einmal mehr werden so Curricula im Namen von Bologna abgewertet. Weg mit dem Latein, um fit für den Wettbewerb zu werden. Mit einem derart auf Nützlichkeit getrimmten Studium wird die Idee der Universität verraten. So degradieren sich die Universitäten zu Fachhochschulen, an denen bloss noch fürs Erwerbsleben gelernt wird.

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