Lasst sie Kinder sein

Die Nachricht: Auch in den Sommerferien schicken Eltern ihre Kinder zunehmend in die Nachhilfe.

Der Kommentar: Meine Erinnerungen an die Sommerferien haben nicht viel mit der Schule zu tun. Die beiden Dinge sind getrennt wie Nord- und Südkorea. Schule? Ja, aber bitte erst nach den Ferien. Heute ist das anders. Selbst in den Sommerferien schicken Eltern ihre Sprösslinge in die Nachhilfe. Jedem dritten 8.- und 9.-Klässler wird heute gemäss Pisa-Studie nachgeholfen. Sind die Lehrer schlechter geworden? Sicher nicht. Die Schüler? Auch nicht. Die Entwicklung ist vielmehr Ausdruck eines grösseren Trends: Nachhilfe ist längst nicht mehr etwas für Schüler, die dem Stoff nicht folgen können. Heute soll Nachhilfe vielmehr gezielt Vorteile verschaffen. In der Klasse. Am Gymnasium. Später im Beruf. Kinder sollen mit einem Vorsprung starten – und führen damit den eigentlichen Zweck ad absurdum.

Wie sinnvoll Nachhilfe für durchschnittliche Schüler ist, ist ohnehin umstritten. Zwar bringt sie oft kurzfristig Verbesserungen. Allerdings kann Nachhilfe auch dazu führen, dass Schüler Aufgaben nicht mehr selbstständig bewältigen können, weil sie die Lösungswege immer vorgekaut bekommen. Es gibt sinnvollere Massnahmen für Kinder, die nicht hoffnungslos hinterherhinken. Es klingt banal, ist deswegen aber nicht falsch: Väter und Mütter sollten versuchen, ihren Kinder früh die Freude am Lesen beizubringen, sie sollen früh lernen, sich Wissen selber anzueignen.

Nach einem Leben an der US-Spitzenuniversität Stanford sieht Präsident John Hennessy genau darin den Schlüssel zum Erfolg, wie er im Interview sagte: «Wer nicht gerne liest, wird es schwierig haben.» Von Zwang hält er nicht viel. «Menschen werden in etwas nur wirklich gut, wenn sie es lieben.» Eltern sollten also positive Anreize der Nachhilfe vorziehen. Damit helfen sie nicht nur ihren Kindern in der Schule, sie sorgen auch dafür, dass die Sommerferien in der Erinnerung jedes Schülers das bleiben, was sie sein sollten: die beste Zeit des Jahres.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper

Artboard 1