Der Kommentar: «Ich fühle mich wie eine Flamme, die flackert und langsam erlischt», sagte Bernard Rappaz vergangene Woche im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Der Hanfbauer ist offenbar stark geschwächt. Doch Mitleid ist fehl am Platz. Bernard Rappaz aus Saxon VS, ein gestandener Mann und Familienvater, hat aus freiem Willen und bei vollem Bewusstsein entschieden, dass er nichts mehr essen will. Ebenso hat er unterschrieben, dass er nicht zwangsernährt werden will, sollte er das Bewusstsein verlieren. Im Vollbesitz seiner Kräfte spielt er leichtfertig mit seinem Leben und nimmt seinen Tod in Kauf.

Das Heer von Behörden, Medizinern und Juristen, das sich in den letzten Wochen mit dem Fall befasst hat, muss den Willen von Bernard Rappaz respektieren. Es stellt sich nicht die Frage, was schwerer wiegt: Die Freiheit des Einzelnen, garantiert durch die Bundesverfassung, oder die Pflicht des Staates, das Leben seiner Bürger unter allen Umständen zu schützen.

Zwar müssen die Verantwortlichen alles tun, um Bernard Rappaz davon zu überzeugen, wieder zu essen. Doch die aufgeregte Diskussion um Leben und Sterben des revoltierenden Hanfbauern wirkt wie eine Posse in einem Land, das in Sachen Sterbehilfe eines der liberalsten Gesetze der Welt hat und das Recht des Einzelnen auf einen selbstbestimmten Tod höher gewichtet als die Pflicht der Ärzte, Leben zu retten.

Die Justiz irrt, wenn sie nun dem medialen Druck nachgibt und Bernard Rappaz mit allen Mitteln am Leben erhalten will. Die Angst vor den Negativ-Schlagzeilen, die der langsame Hungertod eines Häftlings mit sich bringt, darf ihr Handeln nicht bestimmen. Siebenmal schon trat der Hanfbauer, der das Spiel mit den Medien perfekt beherrscht, im Gefängnis in den Hungerstreik. Sechsmal hatte er mit seiner Erpressung Erfolg und wurde zeitweise auf freien Fuss gesetzt. Ein siebtes Mal darf die Justiz nicht klein beigeben. Wer so hoch pokert wie Rappaz, muss damit rechnen, alles zu verlieren. In diesem Fall sein Leben.