Ambühls Problem war, dass er Lösungen aushandeln musste, die in jedem Fall zu schlechteren Ergebnissen führten als der Status quo. So kam er nicht nur im Ausland, sondern vor allem auch im Inland immer stärker unter Druck. Ständig zwischen Hammer und Amboss zu stehen, ist auf die Dauer nicht auszuhalten, selbst für einen hartgesottenen Verhandlungsprofi wie Ambühl nicht. In den letzten Wochen soll er in Gesprächen immer gereizter reagiert haben. Trotz dieser schwierigen Ausganglage stürzte er sich mit offenem Visier in die Schlacht, um das Beste für den Finanzplatz herauszuholen. Er ging das Risiko ein, eine Schlacht zu verlieren, aber am Schluss im Krieg unter den grossen Finanzplätzen dieser Welt doch noch als Sieger hervorzugehen.

Die Schweiz verliert mit Ambühl nicht nur einen Spitzendiplomaten, sondern vor allem sehr viel Glaubwürdigkeit. Ins Zentrum rückt die Rolle von Eveline Widmer-Schlumpf: Sitzungsprotokolle belegen, dass die Finanzministerin bereits vor Monaten auf den automatischen Informationsaustausch umschwenkte. Während Ambühl weiterhin für die Abgeltungssteuer kämpfte, stellte seine Chefin bereits die Weichen auf den Informationsaustausch um. Noch brisanter ist, dass die Bündner Bundesrätin offenbar mit der SP einen Pakt einging, wie Partei-Protokolle belegen. Tat sie dies im Interesse des Landes? Oder ging es um persönliche Interessen, ihren Sitz zu sichern?

Glaubwürdig sind aber auch die Vertreter der Finanzbranche nicht. Allen voran die einst mächtige Bankiervereinigung, die vollkommen aus dem Tritt geraten ist. Direktor Claude-Alain Margelisch bringt es nicht fertig, den zerstrittenen Verband zusammenzuhalten. Patrick Odier, der Präsident, wirkt wenig glaubwürdig, weil er ein Vertreter des alten Schweizer Privatbankings ist. Und von den Grossen des Schweizer Finanzwesens ist leider auch nichts zu erwarten. Sie haben sich aus den Diskussionen ausgeklinkt.

Urs Rohner etwa, der Präsident der Credit Suisse. Er hätte sich längst engagieren müssen für die Interessen des Finanzplatzes. Mit seiner Position bringt er das nötige Gewicht mit und ist als Anwalt mit der amerikanischen Rechtskultur bestens vertraut. Doch Rohner war kein einziges Mal in den USA, um sich für die Schweiz einzusetzen. Auch Walter Kielholz, Swiss-Re-Präsident und Verwaltungsrat der Credit Suisse, hätte das Format und das Netzwerk, um eine Lösung mit den Amerikanern herbeizuführen. Doch Kielholz will sich nicht die Finger verbrennen. Wie würde es die Amerikaner beeindrucken, wenn Ambühl an seine Treffen Kielholz oder Rohner mitgenommen hätte?

Der Abgang von Ambühl ist ein Debakel. Doch schlimmer ist, dass Spitzenvertreter – ob in Politik oder Wirtschaft – zunehmend ihre persönlichen Interessen ins Zentrum stellen. Das ist nicht im Sinne des Landes. Damit lässt sich kein Krieg gewinnen.

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