Davon erfahren wir von den meisten unserer Medien – insbesondere TV und Radio, Gratis- und Regionalzeitungen – allerdings erschreckend wenig, und zwar querbeet. Diese vermitteln in ferngesteuert anmutender Übereinstimmung, unterlegt mit der moralisch hochwertigen Betroffenheit von linksliberalen Gutmenschen, die Vorstellung eines Landes, das zunächst auch vom Arabischen Frühling erfasst wurde. Dass aber dieser, im Unterschied zum Beispiel zu Ägypten, von der Diktatur Assads, seinen Truppen und seinen von ihm besoldeten, paramilitärischen Milizen von Anfang blutig niedergeschlagen wurde. Dass also das syrische Regime einen einseitigen «Krieg gegen das eigene Volk» – das Unwort des Jahres – führt. Und dass «die Welt nicht mehr länger zuschauen darf», wie dies gebetsmühlenartig eingefordert wird.

Gänzlich unverhohlen und reflexionsfrei postulieren auch die Medien der neutralen Schweiz mit zunehmender Intensität eine militärische, notfalls auch einseitige Intervention des Westens, also unter Verletzung des Völkerrechts. Mal geht es um den Schutz der syrischen Zivilbevölkerung (zu der nun allerdings auch sämtliche Aufständischen gezählt werden!) vor dem Regime, das deshalb geschwächt und weggebombt werden müsse. Dann wieder – Erinnerungen an die falsche Rechtfertigung der US-Intervention in den Irak werden hierbei wach – um die Sicherung der angeblich in Unmengen vorhandenen biochemischen Waffen. Wahlweise entweder vor dem syrischen Schurkenstaat oder dann halt doch auch vor der «Freien Syrischen Armee», die bekanntlich zur Mehrheit aus radikalen Salafisten und Muslimbrüdern besteht.

Als orientierungsbedürftiger «Weltbürger», als Schweizer Staatsbürger mit gesundem Menschenverstand und als Kenner des hiesigen Medienbetriebes von innen und aussen wird man misstrauisch, ob das uns grosso modo so und anders vermittelte Bild des innersyrischen Konfliktes nicht auf einem Auge blind ist, uns nicht wesentliche Information für eine unabhängige Meinungsbildung vorenthält. Man fragt sich:

Warum gelten – immer gemäss Berichterstattung fast aller Schweizer Medien – alle Aktionen der Armee als «Krieg gegen das eigene Volk», wo doch von einem allgemeinen Volksaufstand gegen das Regime keine Rede sein kann ? Warum repräsentieren nur die Aufständischen «Volk» – und nicht auch das Regime, seine Truppen, die nicht für die Rebellen sympathisierenden Teile der Zivilbevölkerung? Warum wird völlig ausgeblendet, dass in Syrien ein von vielen Seiten geführter Krieg stattfindet? Dass zum Beispiel die Aufständischen ganz gezielt den Krieg von aussen in die dicht bewohnten Städte getragen haben ? Um die dortige Zivilbevölkerung als ihre Schutzschilder zu missbrauchen ? Um – so das eigentliche Kalkül – das Regime zum Verzicht auf den urbanen Einsatz schwerer Waffen zu zwingen? Und dann, wenn dieses schnöde, mitnichten humanitäre, sondern rein militärische Kalkül ja in der Tat nicht aufgegangen ist, behaupten zu können, die Armee greife nicht etwa in Wohnhäusern verschanzte Rebellennester an, sondern beschiesse «das eigene Volk» mit Panzern und Flugzeugen ? Was von unseren Medien willfährig und kritiklos übernommen wird.

Und warum geben sich unsere Medien auch ohne eigene Korrespondenten in der Region nicht mehr Mühe, mit ihren Redaktoren oder über Beiträge von Nahost-Experten viel stärker auf die überaus zwielichtige Rolle der Türkei und der USA hinzuweisen, die dort ihre je eigenen, mitnichten volksverbundenen oder vom Wunsch nach einem demokratischen Wandel motivierten Stellvertreter-Kriege führen?

Fazit: Die meisten Medien machen sich zum Propagandainstrument bloss einer Bürgerkriegspartei. Sie enthalten uns wesentliche Teile der dortigen Wirklichkeit vor, indem sie unsere Öffentlichkeit einseitig und unausgewogen informieren. Kurzum: Sie machen ihren Job – Ermöglichung einer unabhängigen Meinungsbildung – im Falle Syriens schlecht und unprofessionell.

Gastkommentatoren äusseren ihre eigene Meinung.

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