Dieser Zeitgeist, der ist konservativ. Das zeigt sich in aller Deutlichkeit erst dann, wenn man weiter zurückblickt. In den späten 90er-Jahren schwappte eine sozialdemokratische Welle durch Europa und spülte konservative Regierungen weg. 1997 gewann Tony Blair in Grossbritannien, 1998 siegten Gerhard Schröder in Deutschland und Lionel Jospin in Frankreich, in Holland regierte Wim Kok, in Italien Massimo D’Alema. Mit Ausnahme von Spanien waren fast alle EU-Länder sozialdemokratisch regiert. Der Historiker Heinrich August Winkler erklärt das in seinem Buch «Geschichte des Westens» so: «Sozialdemokratische Parteien hatten sich gezielt um Wähler aus den Mittelschichten bemüht und sich wirtschaftsliberale Positionen zu eigen gemacht.» Auch die Schweizer SP, die sich dem wirtschaftsliberalen Trend verweigerte, erlebte einen Triumph: Bei den nationalen Wahlen 1995 gewann sie im Parlament erdrutschartig 15 Sitze und wurde vor der FDP stärkste Kraft.

Tempi passati. In den 2000er-Jahren verloren die Sozialdemokraten ein Land nach dem anderen. Einerseits, so erklärt es Historiker Winkler, weil die linken Reformer ihren Stammwählern zu viel zumuteten (etwa Hartz IV in Deutschland), andererseits wegen der aufkeimenden Ausländer- und Migrationsfrage und der Angst vor Identitätsverlust. Diese Angst gibt es auch und gerade in der Schweiz. Nicht zuletzt deshalb triumphierte 2003 und 2007 die SVP; allerdings noch auf Kosten der FDP, die inzwischen – mit rechterem Profil – wieder im Aufwind ist.

Ein Abschwellen der konservativen Welle in Europa ist nicht absehbar. In Deutschland sehen bürgerliche Kommentatoren Cameron als idealen Partner für Kanzlerin Merkel, um die Macht der EU einzudämmen. In der Schweiz sagen Wahlforscher einen Rechtsrutsch bei den Wahlen im Oktober voraus. Je nach dem, wie stark dieser ausfällt, werden FDP und SVP vier der sieben Sitze im Bundesrat beanspruchen. Und dann in Bern das versuchen, was Cameron in London plant: weniger Staat, mehr Markt, mehr Distanz zur EU.

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