Der Kommentar: Nach der Wahl von Muhammed Mursi zum Präsidenten gibt es in Ägypten zwei Mächte, die Armee und den Präsidenten. Die Armee hat sich selbst zur wichtigsten Macht erklärt, den Präsidenten hat sie weitgehend entmachtet. Der Präsident wird versuchen, etwas Macht für sich selbst zu bewahren. Er kann, nach den Regeln, die die Offiziere aufgestellt haben, eine Regierung ernennen und die ägyptischen Ministerien verwalten, ausser den militärischen Belangen. Diese nehmen die Offiziere für sich allein in Anspruch. Sie haben für sich auch die entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung der künftigen Verfassung und die gesetzgebende Gewalt des aufgelösten Parlamentes reserviert.

Die gegenwärtig geltenden Verfassungsimprovisationen sind dermassen unbestimmt, dass es schon bald nötig sein wird, die Zuständigkeiten der Offiziere und jene des Präsidenten genauer gegeneinander abzugrenzen. Es liegt im Interesse des Präsidenten, einen möglichst grossen Teil der Ägypter als seine Parteigänger hinter sich zu bringen, bevor der den Offizieren entgegentritt. Er hat sofort nach seiner Wahl betont und wiederholt unterstrichen, dass er nun der Präsident «aller Ägypter» sei.

Die Regierung, die er nun bildet, wird ein wichtiges Indiz dafür sein, wie ernst es ihm mit solchen Versicherungen ist. Wird er auch Minister einstellen, die nicht zu den Muslim-Brüdern gehören? Wenn es ihm gelingt, Persönlichkeiten von Gewicht aus der säkularen Hälfte der Bevölkerung zu gewinnen, und wenn dann die Zusammenarbeit mit ihnen funktioniert, wiegt er schwerer gegenüber der Militärführung, als wenn er nur die eine Hälfte der Ägypter hinter sich hat, jene aus den islamisch ausgerichteten Kreisen.

Das gegenwärtige Provisorium mit eingebauter Übermacht der Offiziere soll nach den Versprechen der Offiziere dauern, bis dass eine neue Verfassung für Ägypten formuliert und vom Volk angenommen sein wird. Nachher soll es zu neuen Parlamentswahlen kommen. Die Militärführung, redet heute von einer kurzen Zeitspanne, schon in drei Monaten soll die Verfassung geschrieben sein. Doch dies ist unrealistisch. Es wird länger dauern. Ein Jahr? Anderthalb ? Ein optimistisches Szenario wäre, dass es dem Präsidenten gelänge, über die ganze nun beginnende zweite Übergangszeit hin gute Beziehungen zu den Offizieren aufrechtzuerhalten. Für das Land wäre das wohl am besten. Doch die Schwierigkeiten einer solchen Koexistenz werden gross sein. Die wirtschaftlichen und sozialen Realitäten sprechen dagegen.

Ein zentrales Motiv der Volkserhebung war die elende Lage des grössten Teils der Bevölkerung. Die immense Mehrheit der gesamten 80 Millionen Ägypter erwartet nun dringend von ihrem neuen Präsidenten, dass er rasch und entschieden eine Verbesserung ihrer Lage herbeiführe. Dazu müsste er die Verwaltung und Wirtschaft des Nillandes energisch umkrempeln. Doch die Offiziere werden ihm schwerlich die dazu nötige Macht überlassen. Das Beispiel der Türkei wird für sie eine Warnung sein. Dort wurde der Islamist und Demokrat Erdogan nach einem harten Ringen mit seiner Armeeführung Herr über die Offiziere durch wiederholte Wahlsiege. Diese Siege erlangte er zu einem guten Teil, weil er die Wirtschaft entscheidend voranbrachte und die Türken dies honorierten.

Die ägyptische Armeeführung kann sich sagen: Wenn Mursi wenig erfolgreich ist, wird er in den nächsten Wahlen, in einem Jahr oder anderthalb, abgewählt werden. Er und die Muslimbrüder wären diskreditiert. Dies ist unsere beste Chance, unsere Macht und unsere riesigen wirtschaftlichen Privilegien weiterhin abzusichern.

Falls aber Mursi sich dagegen auflehnen sollte, hat er bloss eine Waffe. Er kann die grosse Masse der Muslimbrüder erneut auf die Strassen rufen und hoffen, andere Unzufriedene würden sich anschliessen. Dies gäbe dann «eine zweite Revolution», diesmal gegen die Militärs. Die ägyptischen Revolutionsgruppen fordern sie schon seit Monaten. Wie sie ablaufen wird, lässt sich nicht voraussagen. Nur eines ist klar: Die Entscheidung wird dann davon abhängen, ob die Armee ihr gegenüber ihre Disziplin wird bewahren können, oder ob untere Ränge sich der aufgebrachten Bevölkerung anschliessen werden.

Gastkommentatoren äussern ihre eigene Meinung.

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