Der Kommentar: Intoleranz herrscht, wenn die religiöse Doktrin einer Religionsgemeinschaft zu dem für alle geltenden staatlichen Recht wird. Aus einem Staat, in dem Religion und Politik eins sind, kann der «Ungläubige» nur fliehen. Sonst wird er geköpft, wie wir beim sogenannten «Islamischen Staat» sehen.

Das Christentum hatte von Anfang an die Chance, Religion und Staat, Glaube und Recht, auseinanderzuhalten, auch wenn die Umsetzung den Christen in 2000 Jahren Geschichte nicht immer gelungen ist. Denn Jesus Christus hat gesagt: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört. Nach christlichem Verständnis ist die Lehre der Kirche nicht zugleich staatliches Recht. Aber die Glaubenslehre steht auch nicht ausserhalb der Gesellschaft, sondern hat Einfluss: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Was diese Maximen in der Ausgestaltung der Sozialpolitik oder der Wirtschaft konkret bedeuten, sollen jedoch gemäss dem Selbstverständnis der katholischen Kirche nicht deren amtliche Vertreter bestimmen. Die Kirche kennt hier eine Zweiteilung: Die Hierarchie − Bischöfe, Priester − verkündet den christlichen Glauben. Dieser wird zwar politisch unmittelbar relevant, wo es um die Würde der Ungeborenen und Geborenen geht. Aber grundsätzlich ist es Aufgabe der Laien, getauft und gefirmt, für die Umsetzung der christlichen Grundsätze in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu sorgen. Dazu sollen sie – mit christlich geprägtem Gewissen, aber ohne katholische Uniform – als Bürger im eigenen Namen in der Zivilgesellschaft handeln. Darin dürfen sie von den Bischöfen nicht bevormundet werden. Im «Katechismus der katholischen Kirche» von 1992 heisst es deshalb: «Es ist nicht Sache der Hirten der Kirche, in die politischen Strukturen und die Organisation des Gesellschaftslebens direkt einzugreifen. Diese Aufgabe gehört zur Sendung der gläubigen Laien, die aus eigenem Ansporn mit ihren Mitbürgern zusammenarbeiten» (Nr. 2442).

Um die Laien vor Bevormundung zu schützen, verbietet es die Kirche ferner ihren Priestern, öffentliche Ämter anzunehmen, die eine Teilhabe an der Ausübung weltlicher Macht mit sich bringen. Sie sollen auch keine aktive Rolle in politischen Parteien oder Gewerkschaften spielen. Dies alles, damit die Freiheit der Laien in den irdischen bürgerlichen Angelegenheiten nicht angetastet wird. Denn so heisst es im Katalog der Rechte und Pflichten des kirchlichen Rechtsbuchs: «Die Laien haben das Recht, dass ihnen in den Angelegenheiten des irdischen Gemeinwesens jene Freiheit zuerkannt wird, die allen Bürgern zukommt.»

Bei der Frage, wie der Glaube unter den konkreten gesellschaftlichen Umständen politisch wirksam werden soll, ist die katholische Kirche viel liberaler als ihr Ruf. Ihr Klerus verkündet zwar unverrückbare Glaubenswahrheiten. Die Kirche stützt sich aber bei der politischen Umsetzung auf den Laien, der als Bürger selbstverantwortet handelt. Damit hat die Kirche einen gangbaren Weg gefunden, wie sie als Religionsgemeinschaft eine pluralistische Gesellschaft respektieren und zugleich in ihr wirksam sein kann. So ist sie ein «Global Player», der Glaubenswahrheiten verkündet, seine religiöse Autorität jedoch nicht für politische Zwecke missbraucht.

Und Papst Franziskus? Zweifellos hat ihn seine argentinische Herkunft geprägt, in der es wirtschaftliche und politische Exzesse gibt, wie wir sie hier nicht kennen. Zudem spricht er eine direkte Sprache. Das ändert jedoch nichts daran, dass er in seiner Verkündigung wie seine Vorgänger bei der dargelegten Lehre der Kirche bleibt. In seinem Schreiben «Evangelii Gaudium» hält er fest, was er zu Wirtschaft und Politik sage, sei «weit entfernt von (...) einer politischen Ideologie» (208). Und er weiss um die Komplexität wirtschaftlicher und sozialer Fragen, sodass auch er nicht parteilich werden will: Es «besitzen weder der Papst noch die Kirche das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit oder für einen Vorschlag zur Lösung der gegenwärtigen Probleme» (184). Für eine kirchenamtlich betriebene Bevormundung der Laien in politischen Fragen kann man sich somit nicht auf Franziskus berufen. Denn auch er gibt Gott, was Gott gehört, und dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.

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