Der Kommentar: Es war eine kleine Meldung und eine kurze Filmsequenz , beide erschienen nur drei Tage nach der Bekanntgabe des Todes von Kim Jong Il. Sie brachten erste Anzeichen, was in Pyongyang in den nächsten Monaten passieren könnte.

Der Sohn des dahingeschiedenen Diktators Kim Jong Il – hiess es da – sei in Kontrolle der Armee, die seine ersten Befehle tatsächlich befolgt hätte und auf sein Geheiss hin die Wintermanöver abgebrochen und sich in die Kasernen zurückgezogen hätte! Dies beweise, dass der erst 28-jährige, erst vor kurzem zum Vierstern-General beförderte Kim Jong Un das Steuerrad übernommen habe und damit auch die Verehrung des gesamten nordkoreanischen Volkes sich vom Vater auf ihn übertragen habe.

Und die Filmsequenz zeigte, wie Kim Jong Un an der Spitze der Partei- und Armeeprominenz, dem soeben verstorbenen, in einem gläsernen Sarg präsentierten Kim Jong Il die letzte Ehre erweist. An der Spitze. Als Erster. Das ist wichtig, weil in allen kommunistischen Regimes diese Hackordnung immer ein wichtiges Indiz über die künftige Machtstruktur ist.

Interessant auch, dass 1994, als der Übervater des nordkoreanischen Staates, Kim Il Sung, das Zeitliche segnete, sein Sohn Kim Jong Il, obwohl seit Jahren auf die Nachfolge vorbereitet und als zukünftiger Herrscher aufgebaut, noch keineswegs diese Positionen einnehmen durfte. Kim Jong Il brauchte volle drei Jahre, bevor er sich der Öffentlichkeit als legitimer Nachfolger präsentieren konnte.

Bedeutet dies also, dass der Sohn bereits fest im Sattel sitzt ? Wohl kaum! Es braucht keine Verhaltensforscher, um zu erkennen, dass dieser junge Mann sich noch sehr unsicher bewegt. Je mehr er sich im Kreise der bestandenen, plakettenbehangenen Generäle bewegt, desto mehr erhält man den Eindruck, dass er eher Gefangener als Führer ist.

Der Grund, dass man Kim Jong Un also derart früh und prominent in den Vordergrund rückt, ist eher darin zu suchen, dass irgendeine Fraktion des Machtkartells in Pyongyang Fakten schaffen will, um weiteren Diskussionen und einem Gerangel um die Macht zuvorzukommen.

Interesse an dieser Macht haben nämlich viele. Die «Kims», das ist nicht eine kleine Familie – ähnlich einem Königshaus. Eine südkoreanische Auflistung des Kim Clans listet mehr als 3000 Namen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass es in dieser ehrenwerten Familie verschiedene Gruppierungen, zum Teil auch mit eigenen Machtgelüsten hat.

Im Vordergrund steht die Schwester des verstorbenen Kim Jong Il, Kim Kyung-hee und ihr Ehemann Chang Song-taek, dem man Intelligenz und Machtgelüste nachsagt. Eine mögliche neue Machtverteilung könnte also durchaus sein, dass Kim Jong Un nominell die wichtigen Ämter bekleidet, seine Tante und ihr Ehemann aber, quasi als Regenten im Hintergrund, die Zügel in den Händen führen.

Praktisch ausschliessen kann man eine Revolte der Militärs. Im seit Jahren praktizierten System unterliegen auch höchste Militärführer einer so strikten Kontrollen, dass sich keiner auch nur auf die engsten Mitarbeiter zu stützen wagt, sollte er Gelüste auf eine Machtübernahme haben.

Die Verhaltensmuster bei vergangenen Krisen – und eine solche ist der Tod des bisherigen Diktators – weisen eher darauf hin, dass die nächste Zeit gekennzeichnet sein wird durch verbale Drohungen, namentlich gegenüber Südkorea, die USA und Japan. Es wird dann an China liegen, seinen kleinen Bündnispartner wieder in die reale Welt zurückzubringen. Auch Nordkorea kann nicht auf Dauer komplett isoliert bleiben und sei es nur, weil es die Welt braucht, um die eigene Bevölkerung mit Nahrungsmittel am Leben zu erhalten.

Grosses Fragezeichen ist und bleibt – wer auch immer die Macht übernimmt – die Haltung Nordkoreas zu den (illegal) entwickelten Atomwaffen. Früher oder später wird es an den Verhandlungstisch zurückkehren, schon weil China ein Interesse daran hat. Aber die Atombombe ist der allerletzte und einzige Trumpf, den das abgewirtschaftete Regime in Pyongyang noch hat. Da kann es nicht erstaunen, dass Pyongyang den Preis sehr, sehr hoch treiben wird, bevor es bereit ist, dieses Pfand aus der Hand zu geben.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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