Natürlich, auch hier geht es ums Geld verdienen. Die Touristen sollen für die Hippie-Stimmung Dollars hinblättern. Dennoch: Die gebleichten Regenbogen-T-Shirts, die vielen beruhigenden Düfte, die bunten Aroma-Kerzen, Seifen und Friedensfahnen lassen Nostalgie aufkommen.

Letzten Dienstag will dies aber nicht so recht geschehen. Gerade mal zwei Stände stehen einsam in der Telegraph Avenue. Am ersten Tisch gibt es keltischen Schmuck. Verkäufer Kevin, ein schmächtiger, bärtiger Typ Mitte vierzig in Lederjacke liest lieber einen Krimiroman, als Kunden zu sich zu locken. Ich spreche ihn dennoch an.

Weshalb ist heute so wenig los?
„Weiss auch nicht. Vielleicht weil heute der 11. September ist.“
Aber sonst läuft hier schon mehr, oder?
„Ja. Aber das Geschäft ist schon lange schlecht. Verkäufer verschwinden, Geschäfte gehen zu.“

Kevin scheint nicht besonders redselig zu sein, und fotografiert möchte er auch nicht werden. Wie viel Umsatz machst du denn pro Tag?
„Sagen wirs so. Ich gehöre immer noch zu den 99 Prozent. Sorry, ich muss jetzt weiter lesen, diese Passage ist gerade sehr spannend.“

Ich gehe weiter. Zu Robert, einem kauzigen Engländer aus Liverpool. Er verkauft bunte Steine und Ringe. Robert plaudert viel lieber als Kevin, wie sich schnell herausstellt.

„2009 gab es hier 286 Verkaufsstände, heute sind es noch 61.“
Wow, der ist aber gut informiert.
„Ja, die Krise hat sie alle weggefegt. Niemand macht mehr Geld hier.“
Bei dem bleibe ich noch eine Weile stehen, denke ich mir. Der hat Spannendes zu erzählen.
„Die Schweiz ist ein tolles Land. Und ich erinnere mich noch an das Spiel Liverpool gegen die Grasshoppers.“ GC, mein Club! Was für ein toller Typ, dieser Robert.

Doch dann driftet Robert ab.
„Du sagst, du bist aus der Schweiz, oder? Der Vatikan hat tausende von Geheimnissen in Luzerner Höhlen versteckt. Wusstest du das?“
Wie bitte? Nein, ähm, das wusste ich nicht. Aber lass uns doch lieber noch etwas über die US-Präsidentschaftswahl sprechen.
„Ja, ok. Ich habe übrigens Parapsychologie studiert, wusstest du das? Als 15-Jähriger ging ich zur Air Force. Ich war über zwanzig Jahre bei British Airways. Cambridge wollte mich auch unbedingt. Und ich habe mit Steve Jobs gearbeitet.“
Mit dem Apple-Erfinder?
„Ja. Ich habe eine spezielle Gabe, ich sehe Sachen, die nicht da sein sollten, einen Schatten ohne Gegenstand.“

Er habe in 54 Ländern gelebt, und 16 Präsidenten kennen gelernt. Um ein Foto von Kennedy zu schiessen, habe er sich mal als Clown verkleidet, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten zu ergattern.

Ich werde immer stutziger, meine Aufmerksamkeit schwindet. „Hör mir zu!“ Er gibt mir einen Klaps auf die Stirn. Ich bin völlig perplex. „Ich sehe Dinge voraus, verstehst du? Als Mount St. Helens 1980 ausbrach, war ich vier Wochen vorher dort. Als Kennedy erschossen wurde, war ich vier Tage vorher in Dallas, und als Bill Clinton in Berkeley sein Buch signierte, war ich vier Stunden vorher hier.“ Er hört nicht mehr auf, Geschichten zu erzählen. Er spricht von rumänischen Zigeunerinnen, von Spermien und Eiern, von Flugzeugmotoren für einen vertikalen Start.

Stimmt überhaupt irgendetwas, was mir Robert in den letzten dreissig Minuten erzählt hat? Ich versuche mich langsam von ihm zu lösen. Nach dem dritten oder vierten zaghaftem Schritt merkt Robert, dass ich gehen möchte. Er hört auf zu reden. Als ich ihm den Rücken zudrehe und mir denke, was für ein Spinner, ruft er mir nach: „Hey Benjamin, denk immer daran, beschütze die Unschuldigen und die psychisch Kranken.“