KEINE ZWEITE CHANCE FÜR SEX-PRIESTER

Ein Trottinett genügte, um aus Martin Werlen einen vermeintlich weltoffenen Geist zu machen. Das war vor neun Jahren, als sich der 58. Abt des Klosters Einsiedeln den Medien vorstellte – und mit einem Trottinett in den Grossen Klostersaal rollte. Weil er – damals 39-jährig – der jüngste Abt aller Zeiten in Einsiedeln war, sich eloquent auszudrücken wusste und im Internet chattete, hatte er das Zeug zum Medienstar: «Der mutige Abt» («Schweizer Illustrierte»), «Sanierer im Ordensgewand» («NZZ am Sonntag») oder «Im Dienste des Herrn» («Handelszeitung»).

als seinen Wahlspruch nannte Abt Martin beim Amtsantritt «Ausculta et pervenies – Höre und du wirst ankommen». Er meinte die Stimme Gottes, ob in der Bibel oder bei den Mitmenschen, denen er zuhören wolle, um bei ihnen anzukommen. Ich habe Martin Werlen in den letzten Tagen genau zugehört und bin erschrocken, wie er auf den Missbrauchssumpf reagiert, in dem er jetzt mit dem Kloster Einsiedeln plötzlich selber steckt. Er sagte Sätze wie «Wir stehen zu unseren Mitbrüdern». Oder: «Jeder Mensch lebt davon, dass man ihm vertraut». Und: «Man wollte ihnen eine zweite Chance geben.»

Eine zweite chance für Priester, die sich an Kindern und Jugendlichen vergriffen haben? Um Gottes Willen: nein! Es ist der katholischen Kirche zu attestieren, dass sie Fachgruppen einsetzt. Es ist auch höchste Zeit gewesen, dass der Papst in seinem Hirtenbrief zu den Missbrauchsfällen in Irland von «Schande und Reue» spricht. Es sind alles Zeichen. Aber nicht mehr. Allein in der Schweiz ist es in den letzten 15 Jahren zu mehr als 60 Fällen von sexuellem Missbrauch gekommen, wie der «Sonntag» schon vor einem Monat aufdeckte.

Jetzt ist der damm gebrochen. Täglich melden sich neue Opfer, welche die Mauer des Schweigens, des Vertuschens und des Nichthandelns in der katholischen Kirche herunterreissen. Die Zölibat-Diskussion kann dabei nicht ausgeklammert werden. Das gilt auch für die wichtige Frage: Wohin kann unterdrückte Sexualität führen? Nur wenige Priester sind Täter. Aber jene, die es sind, gehören auf eine schwarze Liste. Mit Trottinett fahren allein ist es nicht getan.

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